In dieser Lektion erforschen Sie, wie Sie über den Schub der Beine Länge in der Wirbelsäule und Volumen im Bauch- und Brustkorbraum entfalten können.

Die Lektion des Monats ist ein Live-Mitschnitt meiner Gruppenkurse. Die Audio-Datei ist ausschließlich für private Nutzung bestimmt, darf nicht weitergegeben, veröffentlicht oder anderweitig verwendet werden. Alle Rechte bleiben bei Christoph Habegger.

Wenn die Beine den Schultergürtel tragen

Eine dynamische Stabilität bedeutet, dass der Schwerpunkt möglichst weit oben und das Trägheitsmoment klein ist. Die aufrichtende Kraft der Anti-Schwerkraftmuskulatur und die stützende Funktion des Skeletts ermöglichen Länge durch die gesamte Wirbelsäule bis zum Kopf. In dieser Lektion erforschen Sie, wie sich der obere Brustkorb und der Schultergürtel daran beteiligen können.

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Die Bewegungsmöglichkeiten der Arme und des Schultergürtels verbessern

Die Arme sind über den Schultergürtel mit dem Brustkorb und der Wirbelsäule verbunden. In dieser Lektion können Sie diese Beziehung klären und die Funktion der Hände und Arme in alltäglichen Handlungen wie Greifen, Schieben oder Ziehen verbessern.

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Präsenz und Ausdruckskraft in Aufrichtung und Stimme
Von Christoph Habegger und Angelica Feldmann

Stimme ist ein ganzkörperliches Geschehen und eine wesentliche Funktion des Lebens. Von Kleinkind an geben wir unserem Befinden und unseren Bedürfnissen stimmlichen Ausdruck, lange bevor wir uns in Worten auszudrücken vermögen. Stimme ist Teil der kindlichen senso-motorischen Entwicklung. Über die Integration von Empfindung wirkt sie nach innen. In der Interaktion mit der Umgebung nach außen.
Stimme bleibt stets eng verbunden mit unserem Selbstempfinden. Es gibt eine persönliche leibliche Biografie, die den Stimmausdruck umfasst. Wann und ob wir die Stimme erheben, hängt eng damit zusammen. Während Sprache bis zu einem hohen Grad willentlich gesteuert wird, scheint in der Stimme das Unbewusste auf.

Die meisten Menschen „haben“ eine Stimme. Sie nehmen ihren persönlichen Klang und Ausdruck als gegeben an, als unveränderbar. Manche Menschen mögen sich selber nicht hören. Könnte man sagen, es gibt nicht nur Körperentfremdung, sondern auch Stimmentfremdung? Und hängt dies eventuell recht eng zusammen?

Erst in der „Luxusfunktion“, in der Gesangsstimme oder Bühnensprache, bekommt stimmlicher Ausdruck Gewicht und wird bewusst wahrgenommen. Hier werden Techniken entwickelt und Höchstleistungen erbracht. Häufig auf Kosten der Verkörperung der Stimme – und manchmal auch auf Kosten der Eigentümer.

In unseren Seminaren „Präsenz und Ausdruckskraft in Aufrichtung und Stimme“ begegnen sich die Wirkungsweise der Feldenkrais-Methode und von Atem-Tonus-Ton. Aus verschiedenen Perspektiven werden die körperlichen Voraussetzungen für authentischen, persönlichen Stimmklang untersucht.
Am Anfang jedes stimmlichen Ausdrucks steht der Atem. Was wir als Stimme hören, ist bewegte Luft, die der Körper entlässt. Wie die Stimme trägt und klingt, hängt unter anderem ab von der Durchlässigkeit des Körpers für die Atembewegung, von der Kraft des Atems, von der Spannkraft der Muskulatur, die die Tonspannung stützt, und der Schwingungsfähigkeit der Knochen, die den Ton leiten.

Bewegung befreit den Atem aus festgelegten Mustern

Das Atemgeschehen verläuft weitgehend unbewusst und ist nur bedingt kontrollierbar. Es ist für jeden Menschen einmalig. Die autonome Atemfunktion bildet eine Brücke zum Unbewussten, da der Atem sensibel wie ein Seismograf auf alle inneren wie äußeren, bewussten wie auch unbewussten Einflüsse reagiert. Atem ist mehr als eine körperliche Funktion mit dem phonetischen Ergebnis Stimme. Der Atem kann uns helfen, im Moment ganz anwesend zu sein. Er fördert somit physische und psychische Präsenz.
Atembewegung breitet sich im ganzen Körper aus, und das kann man spüren. Eine der einfachsten Möglichkeiten, den Atem aus festgelegten und einschränkenden Mustern zu befreien, bietet Bewegung. Bewegung beeinflusst den Atem, ohne dass wir willentlich eingreifen müssten. Dabei spielt eine große Rolle, dass unser Skelett seine stützende Funktion ausüben und Kräfte weiterleiten kann, und möglichst viele Muskeln von Haltearbeiten befreit werden. Dem Erlebnis einer inneren Kraft, die den Körper reflektorisch über die tonisch kontrahierende Skelettmuskulatur ohne jegliche willkürliche Muskelanstrengung aufrichtet, folgt die Entdeckung einer bisher unbekannten Beweglichkeit des Rumpfes. Unsere Körperwände können der Innenbewegung des Atems leichter nachgeben, was sich positiv auf die Öffnung der Gelenke, die Länge der Wirbelsäule und die Aufrichtung des Kopfes auswirkt.

Die Vitalität unserer Innenräume

Auf die Stimme bezogen, fördern die Kräfte aus den Beinen und dem Becken die Kraft und Länge eines Tones. Dabei werden die sensiblen Bereiche rund um den Kehlkopf entlastet. Die Muskulatur des Kehlkopfes ist beim Singen und Sprechen nicht unmittelbar steuerbar. Unsere Ausatemluft versetzt die Stimmlippen in Schwingung. Diese erzeugen den primären Kehlkopfton. Das Zwerchfell als Hauptatemmuskel, die Atemhilfsmuskulatur und die Stimmlippen sorgen für das notwendige Verhältnis aus Druck, Widerstand und Sog. Da sich dieses im Verlauf einer Stimmphrase von Überdruck auf Unterdruck verändert, sind diese Systeme in ununterbrochener Adaption gefragt. Wird die Spannung am Ende einer Tongebung gelöst, geht dies einher mit einer vertieften, reflektorischen Einatmung. Es entsteht ein organischer Wechsel zwischen Spannung und Lösung. Selbst bei größter Belastung kann so ein Gleichgewicht beibehalten werden.

Unsere Diaphragmen, die horizontalen Muskelformationen des Körpers – wie Gaumensegel, Mundboden, Stimmlippen, Zwerchfell oder Beckenboden – wirken als Schwingböden gleichermaßen trennend wie verbindend. Werden die darüber und darunter liegenden Räume in ihrem Eigengewicht oder der Resonanzschwingung erfahren, finden sie zu einem angemessenen Tonus und können als System besser zusammenwirken. Dies fördert die Vitalität unserer Innenräume.

Der Einsatz eines Tones beginnt im Kehlkopf. Über die Knochen werden diese Vibrationen weitergeleitet, der jeweils umliegende Körperraum schwingt mit. Wenn die feinen Schwingungen des Tones den Körperraum mitklingen lassen, spricht man von Resonanzraum. Der Ton entwickelt sich zum Klang. Dass dabei auch seelische Anteile transportiert werden, ist nicht nur unvermeidbar, sondern geradezu notwendig. Wer nur die Sonnenseite seiner Stimme zeigen möchte, vermittelt eine unangenehme Bemühtheit. Eine organische, wohlklingende Stimme spricht aus dem ganzen Körper. Hier gilt es, übernommene Klangvorstellungen von „schönen“ und „hässlichen“ Tönen außen vor zu lassen. Die eigene Stimme zu finden, erfordert Hingabe. Sich in der Welt hörbar zu machen, Mut. Brüchige oder unsichere Töne bergen das Potenzial zur weiteren stimmlichen Entfaltung. Nur wer sich dieser „Schattenseite” annimmt, findet seine eigene Stimme.

Wir hören nicht nur Stimme, wir spüren sie auch

Akustische Präsenz entsteht nicht durch Lautstärke. Wenn sich das Wahrnehmungsfeld vom eigenen Körper in den Außenraum ausdehnt, wird auch der Klangraum erweitert. Es entsteht Volumen ohne Druck. Über den Kontakt zur Umwelt erfährt die Aussage eine Richtung. In der darstellenden Kunst spricht man vom „Senden”. Als Empfänger werden wir von Schwingung berührt. Wir hören nicht nur Stimme, wir spüren sie auch. Durch dieses Bewegtsein können wir nachvollziehen, was gemeint ist. Die Kommunikation wird durch den Klang der Stimme wesentlich beeinflusst. Wenn die Person „hinter der Stimme“ aufscheint, wachsen Überzeugungskraft und Vertrauen.

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6 Feldenkrais-Lektionen für den Alltag auf Doppel-CD

Die Lektionen sind so aufgebaut, dass sie auch für Personen ohne Vorkenntnisse gut geeignet sind. Es werden grundlegende Aspekte effizienter, harmonischer und müheloser Bewegung erforscht und anhand von 6 Lektionen beleuchtet. Jede Lektion dauert ca. 20 Minunten und lässt sich so gut in den Alltag integrieren.

Die CD ist für Personen geeignet, welche die Feldenkrais-Methode kennenlernen möchten oder nach geeigneten Bewegungsabläufen für ihr tägliches Programm suchen.

EUR 29,00 & EUR 3,00 Versand und Bearbeitung

Impressionen verschiedener Bewegungssequenzen.

(Frankfurter Allgemeine 02.05.2014)

Die Feldenkrais-Methode ist eine Therapie, die nichts Spirituelles an sich hat. Benannt nach ihrem Erfinder, soll sie helfen, Körperhaltung und Selbstbild zu verbessern.
02.05.2014, von Volker Stollorz

Kinder sind glücklich, wenn sie das erste Mal auf eigenen Füßen stehen. Mit dem aufrechten Gang erobern sie sich die Welt. Sarah ist davon weit entfernt. Sechzehn Monate ist das Mädchen alt, doch es bewegt sich kaum. Bei der Geburt gab es Komplikationen, dem Gehirn mangelte es kurze Zeit an Sauerstoff. So lernte Sarah nicht krabbeln, wie es Kleinkinder sonst tun, nicht aufrecht sitzen, nicht sprechen. Zu Hause weint das Kind viel. Wir sehen es nun regungslos auf einer braunen Therapiebank liegen. Wie könnte man ihm bloß helfen?

Knapp sechzig Schülerinnen und Schüler verfolgen im Feldenkrais-Zentrum in Vussem in der Eifel den Lehrfilm über Sarahs Fall. Chava Shelhav hat ihn 2013 in Tel Aviv aufgezeichnet. Die Israelin war eine der ersten Schülerinnen von Moshé Feldenkrais. Bei ihm lernte sie die Methode des „organischen Lernens“ kennen. Bewusstheit entsteht durch Bewegung, war Feldenkrais überzeugt. Und davon, dass unser Bewegungsapparat zu viel mehr fähig ist, als wir selbst annehmen würden.

„Wenn du weißt, was du tust, kannst du tun, was du willst“

Moshé Feldenkrais, 1904 in der Ukraine geboren und 1984 in Tel Aviv gestorben, hatte seine eigenwillige Bewegungslehre über Jahrzehnte hinweg entwickelt. Durch „funktionale Integration“ versuchte er, das Selbstbild seiner Klienten zwanglos und in kleinsten Schritten zu verändern. Die Feldenkrais-Methode hat das Ziel, Bewegungsräume zu erweitern. Daran wird in Einzel- oder Gruppenstunden gearbeitet, mittels Wiederholung und internem Feedback.

„Wenn du weißt, was du tust, kannst du tun, was du willst“, lautet das Credo, das die Feldenkrais-Methode von Gymnastik, Yoga, Pilates und ähnlichen Spielarten einer Körpertherapie unterscheidet. Hinter Feldenkrais steckt nichts Spirituelles, auch wenn die meisten das denken, wenn sie den Namen zum ersten Mal hören. Basis ist vielmehr die menschliche Anatomie. Und das Erkunden der Wahrnehmungsfähigkeit.

Am Anfang sei alles offen, sagt Chava Shelhav, die wichtige Einsichten ihres Lehrers auf die Bewegungsentwicklung von Kleinkindern übertragen hat. Von ihrer „Child’s Space“-Methode sollen schon Babys profitieren. Deren Selbstwahrnehmung soll angeregt werden. Shelhav setzt insbesondere auf Berührungen und spielerische Bewegungen. Alle Möglichkeiten sollen ausgelotet werden, was häufig genug unterbleibt, wenn die Eltern ihren Nachwuchs in Babywippen oder Gehhilfen stecken.

Soziale Kompetenz und Bewegungssystem

Die Gemeinde der Feldenkrais-Therapeuten ist in Deutschland recht überschaubar. Ähnlich wie beim Yoga und anderen Körpertechniken fehlen bislang wissenschaftliche Studien, die den angestrebten Effekt nachweisen könnten. Zwar mangelt es nicht an beeindruckenden Einzelfallschilderungen. Doch im traditionellen Wissenschaftsbetrieb gelten die wenig.

Grundsätzlich weiß man allerdings, dass die soziale Kompetenz von Erwachsenen eng mit der Reife ihres Bewegungssystems verknüpft ist. Genauso wie ihre Gefühlswelt. Der Grundstein dazu wird ihm in der Wiege vermittelt. Wie ein Mensch sich zu Beginn seines Lebens bewegt hat, wie er stimuliert wurde beim ersten Kontakt mit der Welt – all das spiegelt sich später in seiner Körperhaltung wider.

Ein gutes Beispiel ist der erste bewusste Selbstkontakt, den ein Baby erfährt. Sobald es willentlich beide Hände vor dem Bauch zusammenführen kann, lernt das Gehirn, diesen doppelten Hautkontakt von der bloßen Berührung eines Objekts zu unterscheiden. Zugleich verortet das Hirn die Lage bewegter Glieder im Raum. Je mehr das Kind ausprobiert, desto mehr kann es später an Beweglichkeit abrufen.

(Christoph Habegger im Interview – 10/2013)

Christoph Habegger über Feldenkrais
10.10.2013, Regina Schlager

Der Feldenkrais-Lehrer Christoph Habegger spricht in diesem Interview über die Feldenkrais-Methode und wie sie bei Prozessen der Veränderung und Neuorientierung unterstützen kann.

Regina Schlager (RS): Christoph, du bist Feldenkrais-Lehrer. Bei dir habe ich an einem Samstag Nachmittag einen Einführungsworkshop besucht und die Feldenkrais-Methode kennengelernt. Das war vor sieben Jahren. Seitdem hat sie mich begleitet und mich in meiner persönlichen Entwicklung unterstützt, vor allem auf meinem Weg zu einer beruflichen Tätigkeit, die mir entspricht. Es fällt mir allerdings immer noch schwer, Feldenkrais zu beschreiben. Wie sprichst du in wenigen Worten zu jemandem über die Methode, der noch nicht mit ihr zu tun gehabt hat?

Unsere Grenzen würdigen und unsere Möglichkeiten ausweiten

Christoph Habegger (CH): Die Feldenkrais-Methode ist eine Lernmethode, mit derer Hilfe man zu größerer körperlicher und geistiger Flexibilität gelangen kann. Sie gründet auf der Art und Weise, wie Menschen Bewegung erlernen, wie sich Bewusstheit und Denken entwickeln, wie wir wahrnehmen, und auf welche Art wir lernen, mit unserer Umwelt in Beziehung zu sein.

Moshé Feldenkrais entwickelte zwei Lernmethoden: „Bewusstheit durch Bewegung“  – eine Arbeit in der Gruppe – und „Funktionale Integration“ – eine Einzelarbeit.

In den Gruppenlektionen werden die Lernenden durch eine Abfolge kleiner Bewegungssequenzen geführt, welche im eigenen Tempo, Rhythmus und Ausmaß erforscht werden können. Hierbei gibt es weder „falsch“ noch „richtig“, sondern die Art, wie wir Bewegungsanregungen hören und umsetzen. Hier zeigt sich uns sehr unmittelbar, wie wir mit neuen, unbekannten Situationen umgehen, wie wir unsere Grenzen würdigen und unsere Möglichkeiten ausweiten. Die Lektionen erweitern die Fähigkeiten, mit Präzision, Kraft und Spontaneität zu handeln und vergrößern so unser Lernvermögen.

RS: Ja, das hat mich schon zu Beginn beeindruckt, dass es nicht um „richtig“ oder „falsch“ geht. Ich habe dabei Lernmuster von mir erkannt, immer wieder ist da der Gedanke aufgeblitzt: „Mache ich die Übung jetzt korrekt? Was denkt der Lehrer von mir? Wie führen die anderen sie aus?“ Das war wirklich eine sehr interessante Erfahrung. Und was passiert in der Einzelarbeit?

CH: Die Einzellektionen sind auf die individuellen Bedürfnisse der Lernenden zugeschnitten. Die Lehrenden setzen Berührung ein, um die Bewegungsgewohnheiten der Lernenden zuerst genau wahrzunehmen. Danach führen sie die Lernenden mit dem Einsatz der Hände zu differenzierter, leichterer und leistungsvollerer Bewegungsweise.

Als „Erziehung des Selbst“ in Bewusstheit und Handlung ist die Methode wertvoll für alle, die neue Wege suchen, um freier in ihren Ausdrucksmöglichkeiten und in ihrem Lebensgefühl zu werden – ob in Alltag, Beruf oder Freizeit.

Moshé Feldenkrais

RS: Wer war Moshé Feldenkrais und was hat ihn dazu bewogen, die Feldenkrais-Methode zu entwickeln?

CH: Um Moshé Feldenkrais und seine Methode besser verstehen zu können, sollte man etwas über sein außergewöhnliches Leben wissen.

Moshé Feldenkrais wird 1904 als Nachkomme des Rabbi Pinchas von Koretz in der heutigen Ukraine geboren. Als Vierzehnjähriger schließt er sich einer Gruppe von Auswanderern nach Palästina an. Er begeistert sich für Fußball und lernt und unterrichtet Jiu-Jitsu. Bei seinen sportliche Aktivitäten zieht er sich die erste schwere Knieverletzung zu, die ihn später dazu antreiben wird, seine Arbeit zu entwickeln. Außerdem nimmt er sich als Privatlehrer mit unorthodoxen Methoden schwer zu unterrichtender Kinder an. Es entstehen seine ersten Bücher: Jiu-Jitsu und Selbstverteidigung, Die Verteidigung des Schwachen gegen den Aggressor und ABC des Judo.

Nach dem Abitur geht er 1928 zum Studium nach Paris. Er wird Ingenieur, studiert dafür Elektrotechnik und Mechanik und nimmt anschließend das Physikstudium an der Sorbonne auf. 1933 – 1940 arbeitet er als Nukleartechniker gemeinsam mit dem Ehepaar Joliot-Curie an deren Institut an der ersten Kernspaltung in Frankreich. 1933 lernt er Jigaro Kano, den Begründer des Judo, kennen. 1936 gründen sie gemeinsam den ersten Judo-Club Frankreichs. Im selben Jahr erlangt Feldenkrais als erster Europäer den „Schwarzen Gürtel“.

1940 wird er durch den Einzug der Nationalsozialisten zum Exil gezwungen. Im Auftrag der französischen Exilregierung und mit wichtigen Unterlagen aus dem Laboratorium Joliot-Curie reist er nach England. Auf dieser Reise zieht er sich die zweite schwere Knieverletzung zu. Da nach damaligem medizinischen Stand wenig Chance auf eine Heilung besteht, beginnt er, seine Bewegungsabläufe und -gewohnheiten zu analysieren.

Nach anfänglicher Internierung beginnt er seine Tätigkeit für die britische Admiralität. Das Forscherteam ist stationiert in Fairlie, einem kleinen Dorf an der Westküste Schottlands. Hier begeistert Feldenkrais seine Kollegen für Judo und unterrichtet sie abends in den Räumen der Dorfschule. Er setzt seine Forschungen und Versuche in Neuro- und Verhaltensphysiologie fort und erprobt sie im Gruppenunterricht. 1943 hält er Vorträge vor der British Association of Scientific Workers, später zusammengefasst in seinem grundlegenden Buch Body and Mature Behaviour. Es erscheint 1949 und ist sein erster Versuch, seine Erfahrungen und Überlegungen zu einer Theorie zu verarbeiten.

Nach dem zweiten Weltkrieg lebt Moshé Feldenkrais einige Jahre in London. Er unterrichtet Judo und hält erste Gruppenkurse in „Bewusstheit durch Bewegung“. Trotz des Angebots einer reichen Mäzenin, ihm ein eigenes Institut einzurichten, folgt er 1949 dem Ruf als Leiter der Elektronikabteilung des Verteidigungsministeriums im neugegründeten Staat Israel.

Ab 1952 widmet er sich ausschließlich der eigenen Arbeit. Er unterrichtet an der Universität von Tel Aviv, hält Vorträge in Europa und den USA, und publiziert das erste Buch, in dem er seine Methode mit Anleitungen vorstellt: Der aufrechte Gang, heute Bewusstheit durch Bewegung. Zu seinen bekanntesten Schülern gehören Ben Gurion, Yehudi Menuhin und Peter Brooke. Drei Ausbildungen in der nunmehr nach ihm benannten Methode leitet er selbst: eine in Israel und zwei in den USA.

1984 stirbt Moshé Feldenkrais in Tel Aviv.

Moshé Feldenkrais verkörperte auf einzigartige Weise den ganzheitlichen Ansatz der fernöstlichen Bewegungs- und Kampfkünste mit der didaktischen und analytischen Genauigkeit eines Wissenschafters. Die Hilfe zur Selbsthilfe war für ihn größtes Anliegen.

„Bewusstheit kann die Verwirrung lösen: in ihr scheint einem auf, was vonnöten ist und der Weg dahin. Damit setzt sie die schöpferischen Kräfte frei.“ Moshé Feldenkrais

Die innere Weisheit des Körpers

RS: Inwiefern hilft Feldenkrais aus deiner Sicht bei Prozessen der Veränderung und Neuorientierung, beispielsweise wenn jemand mit seiner beruflichen Tätigkeit nicht mehr zufrieden ist?

CH: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Körper eine innere Weisheit besitzt. Diese Weisheit ist nicht in den gewohnten Denkmustern meines Verstandes zu finden. Sie erschließt sich mir über meine Sinne. Mein Körper weiß, wie sich eine Lebenssituation anfühlt. Er weiß, was verwirklicht werden möchte. Feldenkrais kann uns darin unterstützen, diese intuitiven Kräfte besser zu spüren und mit ihnen in Verbindung zu bleiben. Sie helfen uns, unsere wahren Bedürfnisse zu erkennen und die nächsten Schritte zu setzen.

RS: Soweit ich die Feldenkrais-Methode erfahren und verstanden habe, geht es nicht um das Erbringen von Leistungen. Jeder und jede arbeitet in seinem oder ihrem Tempo, wie du das ja auch bereits beschrieben hast. Es muss kein Ziel erreicht werden. Da kommt bei einigen wahrscheinlich der Gedanke auf: „Ja, aber wie soll ich es dann schaffen, mich zu verändern?“ Veränderung wird in unserer Kultur mit Anstrengung verbunden, meist muss es zudem noch schnell gehen.

CH: Veränderung setzt Neugier, Selbstreflexion und das Wagnis voraus, sich durch den Erkenntnisprozess verändern zu lassen. Wenn Veränderung nachhaltig sein soll, muss sie durch die Sinne gehen. Was wir gefühlvoll erlebt haben, geht uns nicht mehr verloren. Unsere Sinne können sich jedoch nur in dem Maß öffnen, wie wir uns einer Handlung oder Situation hingeben. Jede Form von Anstrengung erzeugt dabei ein Hintergrundgeräusch. Die Nuancen, auf die es ankommt, wenn man sein eigenes Tun hinterfragen und verändern möchte, werden dadurch übertönt.

Lernen kann also nur stattfinden, wenn wir uns wohl, sicher und frei fühlen. Das Gleiche gilt für die Geschwindigkeit: es macht einen Unterschied, ob ich zu Fuß gehe oder im Auto fahre. Das Maß an Aufmerksamkeit nimmt mit dem Tempo ab. Wenn eine neue Handlungsweise in den Alltag integriert wurde, kann ich selbstverständlich mit der Geschwindigkeit spielen. Es spricht also nichts dagegen, schnell zu sein, wenn mir etwas vertraut ist und ich es verkörpert habe.

Beziehung zu sich selbst

RS: Dass dieses Hintergrundgeräusch, das durch Anstrengung entsteht, die Nuancen, auf die es ankommt, übertönt – das ist wunderbar ausgedrückt. So hatte ich es noch nicht gesehen.
Ich sehe als Basis jeder Veränderung die Beziehung zu sich selbst. Kann die Feldenkrais-Methode die Beziehung zu sich selbst beeinflussen?

CH: Absolut! Wenn ich lerne, mich selber besser zu spüren – meine Grenzen, meine Gewohnheiten, aber auch meine Möglichkeiten, meine Kraft, mein Potential – verändert das meine Beziehung zu mir und damit zur Welt. Ich gewinne an Selbstvertrauen und Spontaneität und erkenne meine ganz persönliche Art, Leben wahrzunehmen und umzusetzen. Dadurch setzt auch eine Versöhnung ein mit meiner Lebensgeschichte, den erfahrenen Kränkungen, dem erlittenen Leid, den Vorwürfen mir selbst und anderen gegenüber.

RS: Ja, die Versöhnung mit sich selbst und dem eigenen Leben, das halte ich für ganz zentral. Versöhnung kann nicht von außen kommen. Ohne uns auszusöhnen, können wir nicht wirklich frei sein und offen für Neues. Vielen Dank für das Gespräch!

Christoph Habegger, geboren in Zürich, lebt seit 1991 in Wien. Nach seinem Studium am Konservatorium Wien arbeitete er als Schauspieler und Musicaldarsteller im deutschsprachigen Raum. Seine Feldenkrais-Ausbildung machte er bei Carl Ginsburg in Lewes, England. Es folgten Weiterbildungen in Atem-Tonus-Ton und Embodied Life. Er unterrichtet an der Bruckner Universität Linz, ist Assistenz-Trainer in Feldenkrais-Ausbildungen, Lehrbeauftragter in Atem-Tonus-Ton-Ausbildungen und leitet in Wien das Somart Raum für somatisches Lernen. Ab 2014 organisiert er die Feldenkrais Ausbildung Mozarthaus.

http://www.feldenkrais-methode.at/

Der Artikel im Internet:
Regina Schlager

(Christoph Habegger im Interview mit Regina Schlager 10/2013)

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„bewusst gesund“ Das Gesundheitsmagazin von ORF über die Feldenkrais®-Methode mit Christoph Habegger.

Die Sendung wurde am Samstag, 4. Mai 2013, 17.05 Uhr, auf ORF 2 ausgestrahlt.

(Christoph Habegger – Feldenkrais Forum 4. Quartal 2012)
Wenn ich Max Glauben schenke, ist jeder seiner Auftritte eine Tortur. Angst, Überanstrengung, Atemnot und Stimmverlust sind seine ständigen Begleiter.
Und doch ist der 30-jährige Sänger ausserordentlich erfolgreich. Die Zeitschrift „Opernwelt“ schrieb, dass er mit einer der schönsten Stimmen seines Fachs gesegnet sei. Als Countertenor singt er in der Carnegie Hall New York, am Pariser Theatre Champs Elysees, der Londoner Barbican Hall oder der Bayrischen Staatsoper in München. Er hat über 12 Soloalben aufgenommen und ist in Europa, Amerika und Japan gleichermassen gefragt.
Max kommt zu mir, weil er nach einem vollständigen Stimmverlust zwei Jahre pausieren und sich mit kleinsten Rollen und Konzertauftritten wieder einarbeiten musste. Mittlerweile ist er seiner Schilderung nach soweit, wieder eine halbe, wenn es gut geht eine ganze Stunde singen zu können, bevor „das Instrument“ auszusetzen beginnt. Er möchte seinen Körper „in den Griff bekommen“, seine Atem- und Stimmtechnik dahingehend verbessern, dass diese unsäglichen Verspannungen und Schmerzen im Brust-, Schulter- und Halsbereich nicht mehr auftreten, seine Stimme in der Höhe klar und in der Tiefe voll bleibt.
Max teilt mir schon bei unserem ersten Telefongespräch mit, dass er viel unterwegs sei und sich für die Zeit, die er in Wien verbringe, eine intensive Betreuung wünsche. Wenn möglich täglich. Wir vereinbaren also drei aufeinander folgende Termine.
Als ehemaliger Schauspieler und Musicaldarsteller, als Feldenkrais Practitioner und Atem-Tonus-Ton Stimmpädagoge setze ich mich seit vielen Jahren mit Atem und Stimme auseinander, lernend und lehrend. Als Sänger oder Gesangspädagogen habe ich mich jedoch nie betrachtet.
Mein Zugang zu Stimme, Sprache und Gesang ist körperlich. Es geht mir um authentische, natürliche, spontane Klänge. Meine Möglichkeit sehe ich darin, andere darin zu unterstützen, ihre persönliche Stimme freizulegen. Den eigenen Körper als Instrument kennen und achten zu lernen und dem eigenen Wesen mit seinen unbewussten Anteilen Stimme zu geben.
Dies ist nicht an Sprache oder Gesang gebunden. Es bietet dem Einsteiger eine gesunde Basis für die weitere Entwicklung und dem Profi die Möglichkeit, seinen Körper und die damit verbundenen seelischen und geistigen Prozesse bewusster wahrzunehmen.
Wird sich ein international erfolgreicher Sänger mit bedrohlichen Stimmproblemen und Zeitdruck auf einen solchen Prozess einlassen? Werde ich ihm etwas Wesentliches zu bieten haben? Ich bin sehr gespannt auf diese Begegnung.
Max ist ein kleiner, muskulöser Mann. Er spricht schnell und viel, seine Stimme findet dabei wenig Resonanz, der Atem wird im vorbei gehen geschnappt.
Er erzählt mir von seinen Schwierigkeiten, dem Reflux, den dadurch verursachten Stimmbandverätzungen, dem Stimmverlust, der Panik beim Singen, dem existenziellen Druck, den Cortisonbehandlungen.
Ich bitte ihn, sich auf den Rücken zu legen und leite ihn durch einige einfache Wahrnehmungsexperimente: wir erforschen den Atemrhythmus, die Pausen zwischen den Atemphasen, die Dynamik. Er spürt die Atemwege, die Atemräume in Brustkorb, Flanken, Bauch, Becken. Der Atem wird als Welle zwischen Brust- und Bauchraum hin und her geschoben, mal im Einatem, mal im Ausatem oder vom Atemfluss entkoppelt. Max ist dabei sehr gesammelt. Ich kann beobachten, wie seine Aufmerksamkeit wandert und sich dadurch die Atembewegung verändert. Es gelingt ihm auf Anhieb, die unterschiedlichen Räume zu weiten und sinken zu lassen – die Atemwelle fließt. Auch wenn er das Weiten des Brustkorbs bevorzugt und die Bewegungen etwas schnell und angestrengt vonstatten gehen: Max kennt seinen Körper besser, als ich es vermutet hätte.
Auch im Sitzen erkunden wir die Atembewegungen in Bauch, Becken und Rücken. Ich lege meine Hände auf unterschiedliche Stellen seines Rückens und bitte ihn, seinen Atem in meine Hände fliessen zu lassen. Manche Stellen sind ihm sehr vertraut. Sich unter meinen Händen auszubreiten, fällt ihm leicht. So zum Beispiel im mittleren Rücken. Seine Sitzhaltung kennt zwei Möglichkeiten: entweder in der oberen Lendenwirbelsäule durchgestreckt und das Brustbein nach vorne geschoben, oder aber im mittleren Rücken kollabiert und den Brustkorb eingesunken. Sein Becken bleibt so oder so immer ein wenig nach hinten gekippt. An anderen Stellen tut er sich schwer, Atembewegung zu spüren, unter meinen Händen weit zu werden: so zum Beispiel in der Lendenwirbelsäule oder im Kreuzbein.
Ich leiste ihm mit meinen Händen einen leichten Widerstand und bitte ihn, im Einatem sanft gegen meine Hände zu pressen. Er lässt sich auf seinem Becken etwas nach hinten rollen und rundet seinen Rücken. Im Ausatem kehrt er auf seine Sitzknochen und die aufrechte Haltung zurück. So spielen wir weiter mit der Rückseite seines Oberkörpers. Langsam werden Schulterbereich, Rücken und Becken modellierfähiger. Meine Absicht ist es, über diese Arbeit seinen Rücken zu wecken und dadurch Brustkorb und Kehlkopf zu entlasten. Während er zu Beginn bei jeder Einatmung Brustbein und Schultern hochgezogen hat, tritt jetzt eine sichtbare Erleichterung ein.
Nun möchte ich eine erste Verbindung zur Stimmgebung schaffen und den aktiven Part – den Widerstand gegen meine Hände – mit der Ausatmung verknüpfen. Ich besuche also weiter unterschiedliche Stellen seines Rückens, während Max im Ausatem sanft gegen meine Hände presst, sich unter meinen Händen ausbreitet, mich etwas von sich schiebt. Dabei kommt er wieder in eine Flexion und kehrt im Einatem in die aufrechte Position zurück. Allmählich ist auch das Becken bereit, sich weiter nach vorne zu kippen und so dem Oberkörper eine bessere Basis zu schaffen. Plötzlich verliert der Einatem seine Gewichtigkeit. Er geschieht nebenbei, fällt im Aufrichten in den Körper ein, statt forciert eingezogen zu werden.
Zum Abschluss unserer Lektion bitte ich Max, den Ausatem auf einem „mmm“ hörbar zu machen. Die Stimme wirkt etwas dünn und brüchig – noch fällt es ihr schwer, die Beziehung zum Rücken und meinen Händen aufzubauen. Aber für mich ist es damit gut. Ich bin mit dem Verlauf der Stunde zufrieden: Max kann Impulse sehr schnell aufgreifen. Er akzeptiert meinen Arbeitsstil und lässt sich auf meine Experimente ein. Über die gemeinsame Arbeit, das Bewegen, Berühren, Atmen, Tönen, hat sich ein Kanal geöffnet. Erfreut stelle ich fest: ja, ich kann diesem Menschen etwas mitgeben.
Bei unserem zweiten Treffen am darauf folgenden Tag berichtet mir Max von den positiven Nachwirkungen. Am Abend hatte er beim Üben festgestellt, dass ihm die Tiefenatmung leichter fiel und er nicht heiser wurde. Normalerweise ist Singen ein anstrengender, mühevoller Akt für ihn: Brustkorb und Schultern sind so stark in die Stimmgebung involviert, dass sich nach einer halben Stunde Verspannungen und Schmerzen einstellen. Dabei fällt es ihm immer schwerer, Zwerchfell, Bauch- und Beckenraum in die Atmung mit einzubeziehen. Dadurch wird auch seine Bruststimme, die er für die tiefen Töne und dunklen Vokale benötigt, nicht mehr ansprechbar. Die Spannung wandert Takt für Takt nach oben, der Druck bei der Bildung hoher Töne nimmt zu, was den Klang seiner Obertöne beraubt – er verliert an Glanz und Schärfe. All dies beobachtet Max und ärgert sich über seinen Körper. Die Angst vor dem Versagen der Stimme und die Ohnmacht gegenüber den physischen Prozessen nehmen ihm jede Freude am Singen.
Es wird im weiteren Prozess also nicht nur darum gehen, dass Max seine Gewohnheiten (in Haltung, Atmung und Stimmgebung) beim Singen verändert. Die wesentliche Veränderung muss in seiner Einstellung stattfinden. Die subtilen Botschaften des Körpers erkennen und achten. Empfindungen, Gefühle, Gedanken wahrnehmen, ohne sich damit zu identifizieren, sie kontrollieren oder verdrängen zu wollen. Den selbstregulierenden Kräften Raum und Zeit geben. Geduldig sein. Vertrauen. Keine leichte Aufgabe, wenn die nächsten Konzerte und Opernproduktionen warten, zwischen Feldenkraisunterricht, Auftritten, Arztbesuchen und CD-Aufnahmen.
Manchmal erscheint Max abgekämpft und unkonzentriert. Ich bitte ihn dann auf die Liege, arbeite schweigend an der Verbindung der Beine zum Rumpf, den Bewegungs- und Unterscheidungsmöglichkeiten von Becken und Brustkorb, der Beziehung der Arme zu Schultern und Oberkörper. Ich erforsche die Richtungen des Kopfes, die Bewegungen des Unterkiefers in Bezug zu Schädelbasis und Halswirbelsäule. Ich lenke seine Aufmerksamkeit zu den Rippen, dem Brustbein, dem Zwerchfell. Nach solchen Lektionen ist er still und sehr müde.
Überhaupt muss ich mich immer wieder ermahnen, in kleinen Schritten vorwärts zu gehen. Die Tatsache, dass Max schnell aufnimmt und umsetzt, lässt mich vergessen, dass hinter allem ein eiserner Wille und viel Druck steht. Es fällt ihm schwer, seine Grenzen wahrzunehmen und zu akzeptieren, einen Gang runter zu schalten, auszuatmen, eine Pause einzulegen. In dem ich Bewegungen mitmache, Töne produziere, dabei achtsam, suchend bleibe, verändert sich auch etwas in ihm. Ihm diese andere Qualität des Zusammenspiels von Bewegung-Denken-Fühlen-Spüren vorzuleben, ist vielleicht mein wertvollster Beitrag zu seiner weiteren Entwicklung.
In unseren weiteren Stunden arbeiten wir an seiner Aufrichtung im Stehen und der Frage, woher er sich die Kraft für die Stimme nimmt. Langsam lernt er, bei Tonende die Spannung zu lösen und sich wieder ganz auf den Boden einzulassen. Dadurch können tieferliegende Muskeln die Stützfunktion übernehmen und entlasten den Atem- und Stimmapparat. Wir erkunden die Klangräume in Rücken, Brustkorb und Kopf. Wir gehen der Frage nach, wie er in hohen Tönen (die sein Fach bestimmen) den Kopfresonanzraum öffnen kann, ohne die Erdung und den Bezug zum Rumpf zu verlieren.
Vor einigen Wochen gab Max ein Solokonzert in Wien – er bat mich, zu kommen und ihm Feedback zu geben. Angst und Spannung waren für mich, als nunmehr vertrauten Begleiter, hör- und sichtbar. Sie hinterließen allerdings nicht den bleibenden Eindruck. Seine dramatische Stimme, die Kraft des Ausdrucks, die geballte Ladung an Präsenz rissen mich mit und begeisterten. Hier zeigte sich seine wahre Stärke: die kompromisslose Leidenschaft, mit der er seine Arbeit ausführt.
Christoph Habegger, Feldenkrais Forum, 4. Quartal 2012
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