Interview mit Russell Delman über Embodied Life (03:49)

(Maria Höller-Zangenfeind im Interview – Wiener Zeitung 31.07.2009)

Von Sonja Panthöfer

Die Körpertherapeutin Maria Höller-Zangenfeind spricht über stimmliche Ausdruckskraft, die – bei Politikern oftmals fehlende – Körperwahrnehmung, und warum die österreichische Sprache „swingt“.

Wiener Zeitung: Frau Höller-Zangenfeind, Stimmcoachings werben gerne damit, dass wir aus den Worten eines Gesprächspartners nur einen Bruchteil unserer Informationen – nämlich rund sieben Prozent – beziehen. Stimme, Gestik und Mimik seien viel wichtiger. Ist das Gesagte tatsächlich also eher unwichtig?

Maria Höller-Zangenfeind: Wenn jemand über ein Thema spricht, das mich sehr interessiert, nehme ich natürlich mehr auf als diese sieben Prozent, die ja nur ein Durchschnittswert sind. Bei jeder ersten Begegnung nimmt uns der Stimmklang des Sprechers aber doch sehr gefangen. Da spielen persönliche Charakterzüge und die Tagesform des Gesprächspartners ebenfalls eine Rolle.

Wenn ich nun jemandem begegne, dessen Stimme mir fürchterlich unsympathisch ist – inwieweit kann oder darf ich daraus auf die Persönlichkeit des Sprechers schließen?

Man kann auf jeden Fall davon ausgehen, dass es bei diesem Menschen Verhaltensweisen gibt, die in einem Widerstand oder Ablehnung hervorrufen. Möglicherweise gibt er Frequenzen von sich, die nicht gut ankommen. Natürlich heißt das nicht, dass diese Person in ihrem ganzen Wesen unsympathisch ist.

Also sollte man eine Klein-Mädchen-Stimme nicht mit einer Klein-Mädchen-Persönlichkeit gleichsetzen?
„US-Präsident Obama strahlt mit seiner Stimme, vor allem aber in seiner Gestik und Mimik Glaubwürdigkeit aus.“ (Höller-Zangenfeind). Foto: epa

„US-Präsident Obama strahlt mit seiner Stimme, vor allem aber in seiner Gestik und Mimik Glaubwürdigkeit aus.“ (Höller-Zangenfeind). Foto: epa

Wenn die Stimme konstant kleinmädchenhaft klingt, gibt es in dieser Frau offensichtlich etwas, das nicht erwachsen geworden ist. Diese Frau hat das Gefühl, dass sie mit ihrer Stimme in der Männerwelt besser ankommt.

Was macht eine Stimme anziehend?

Anziehend sind die oft zitierten vibrations. Wenn Sie mit jemandem sprechen, erzeugt Ihr Körper für den Stimmklang Vibrationen. Ausgelöst durch die Stimmlippen, leiten die Knochen und schließlich das Gewebe diese Vibrationen weiter an die Akustik. Da Sie Ihren Körper für den Klang gut nutzen, können mich diese Schwingungen erreichen. Wir berühren einander in Live-Situationen tatsächlich mit unserer Stimme. Das ist kein Hokuspokus, sondern zunächst einmal eine rein physikalische Angelegenheit. Worauf sollten wir denn achten, wenn wir beruflich Erfolg haben wollen? Wie müssen wir klingen?

Erfolg wird heute gerne so definiert: Wie viel Geld verdiene ich? Wie präsent bin ich in den Medien? Kommt meine Stimme gut an? Für mich hat Erfolg mit persönlicher Entwicklung, mit der Sinngebung im Leben zu tun. Es bedeutet auch, dass ich mir meiner Schwächen bewusst bin und dazu stehen kann. Eine erfolgreiche Stimme ist eine authentische Stimme.

Sie haben gerade die Medien erwähnt. Was fällt Ihnen auf, wenn Sie Stimmen im Radio oder Fernsehen hören?

Viele Prominente wissen genau, wie man eine „bella figura“ macht. Sie sind medientauglich, können gut plappern, haben eine sehr gute Artikulation und sind rhetorisch gewandt.

Menschen mit rauen oder weniger wohlklingenden Stimmen werden gut gecoacht. Nur: Das alles ist Makulatur und Maske. Persönlichkeit zählt wenig. Die Folge sind Moderatoren, die nicht nur unecht klingen, sondern es auch sind.

Politiker präsentieren sich sehr oft in den Medien, doch Umfragen belegen, dass die Politikverdrossenheit der Menschen stetig wächst. Inwieweit könnte das mit den Stimmen der Politiker zusammenhängen?

Nun ja, auch die werden hauptsächlich auf ihre Medientauglichkeit hin gecoacht, und das macht sie als Person weniger glaubwürdig.

Fällt Ihnen jemand ein, der als positives Beispiel für Glaubwürdigkeit auf der Politikbühne gelten könnte?

Ich glaube, am Beispiel von US-Präsident Barack Obama und seinem Vorgänger George W. Bush wird der Unterschied recht deutlich. Obama vermittelt Integrität, moralisches Handeln und ist nicht in erster Linie darauf bedacht, was ihm Erfolg einbringt. Er strahlt mit seiner Stimme, vor allem aber in seiner Gestik und Mimik Glaubwürdigkeit aus. Deshalb macht es einen sehr großen Unterschied aus, ob Obama einen Fehler zugibt – oder Bush.

Sollten Politiker also mehr Politik mit ihrem Körper machen?

Es geht immer um ein Gesamtbild, und dazu gehört eben auch der Körper. Die Stimme macht nur einen Teil des Menschen aus. Es könnte für Politiker sicherlich sehr hilfreich sein, würden sie mehr auf ihren Körper und ihre innere Stimme achten.

Sollten das nicht alle Menschen tun?

Ja, natürlich. Es gibt viel zu viele Fettleibige, also nicht dicke Menschen, die gab es immer. Heute sehen wir Leute mit Haltungsproblemen und gestörter Körperwahrnehmung. Es gibt diesbezüglich eine Fülle von Ratgebern, weil wir unser gesundes, natürliches Körperempfinden verloren haben. Was ist gesund? Was sollen wir essen? Wie viel sollen wir uns bewegen? Das sind Fragen, die man heute dem Arzt, Heilpraktiker oder Therapeuten stellt.

Die österreichische Schriftstellerin Sabine Gruber spricht in einem ihrer Romane von „Körper-analphabeten“. Würden Sie dem zustimmen?

Absolut. Es gibt eine körperliche Verwahrlosung, die um sich greift. Dem ist nur beizukommen, wenn die Bedeutung des Körpers wieder allgemein erfasst wird. In ihm sind Geist und Seele materialisiert. Die TV-Werbespots oder die Plakate im Straßenbild zeigen deutlich, dass Körper heutzutage im sexuellen, aber nicht im erotischen Sinne benutzt werden. Das sind Auswüchse. In Asien dagegen hat die Körperkultur eine jahrtausendealte Tradition, die heute noch zum Alltag der Menschen gehört und gepflegt wird.

Was sollte Ihrer Meinung nach geschehen?

Der Körper sollte wieder mehr sein als nur Leistungsträger und wertgeschätzt werden. Äußerlichkeiten werden zu wichtig genommen. Wünschenswert wäre es, wenn bereits in den Schulen auf Körperwahrnehmung und Körperbewusstheit mehr Wert gelegt würde. Heranwachsende könnten solcherart ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln.

Sie erwähnten die asiatische Körperkultur, und sind ja selbst seit vielen Jahren in Japan tätig. Wie kam es dazu?

Dabei haben mein großer Wunsch, singen zu können, und mein Lachen eine gewisse Rolle gespielt. Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn war ich Sportlehrerin und habe später eine Ausbildung zur Atemtherapeutin bei Ilse Middendorf in Berlin gemacht. Ich war dann fünf Jahre lang ihre Mitarbeiterin. Privat habe ich Gesangsunterricht genommen, konnte aber keine hohen Töne singen. An einem meiner Atemkurse nahm die japanische Sängerin Michiko Hirayama teil, die für Neue Musik bekannt ist. Die fand mein Lachen wunderbar und kraftvoll. Sie behauptete, jemand mit so einem Lachen müsse einfach singen können. Und hat mich dann immer zum Lachen gebracht. Wenn ihr das gelungen war, rief sie: „Hörst du diese Töne? Das bist du!“

Und diese unkonventionelle Dame hat Sie nach Japan gebracht?

Genau! Ich habe bei ihr Gesangsunterricht genommen und im Gegenzug für ihre anderen Schüler Körperübungen kreiert. Schließlich sagte sie: „In Japan gibt es einen sehr berühmten Professor, Fumiaki Yoneyama.

Dieser HNO-Arzt behandelt weltberühmte Opernstars. Der interessiert sich bestimmt für deine Arbeit.“ So war es dann auch. Ich habe einen Vortrag in Japan gehalten, der sehr gut ankam. Das liegt jetzt 22 Jahre zurück. Seitdem bin ich ein- bis zweimal im Jahr in Japan.

Womit haben Sie die Japaner überzeugt? Was ist der Kern Ihrer Methode „Atem-Tonus-Ton“?

Das ist ein körperlich-seelischer Weg. Die Ressource des Menschen ist sein Atem. Ich zeige, wie man sich das bewusst machen und daraus schöpfen kann. Ziel ist es, die innere Koordination zwischen der Atembewegung und dem Muskeltonus aufeinander abzustimmen. Das heißt, ich kann die Muskelkraft der willentlichen Skelettmuskulatur einsetzen für Stimmkraft, Tonlänge und Tonhöhe. Für Volumen und Klangfarben übt man an den unbewussten Kräften, den Innenräumen.

Wie sieht die Forschungsarbeit in Japan aus?

Im Grunde wird gemessen und sichtbar gemacht, wie wichtig Körperbewusstheit für eine tragende Stimme ist. Mit dem Ton allein, der in den Stimmbändern entsteht, könnten wir noch nicht gut kommunizieren. Aber mit dem Klang, der daraus entsteht. Jeder von uns hat eine andere Körperform und somit eine andere Klangqualität. Die Stimme wird entlastet, wenn eine gute Synchronisation mit anderen Innenbewegungen des Körpers stattfindet.

Wie lässt sich die Stimme sichtbar machen und messen?

Die thermografischen Aufzeichnungen von Professor Yoneyama faszinieren, weil sie so anschaulich sind. Auf einem großen Monitor ist der Körper in viele Farbfelder eingeteilt, die jeweils die Wärme der entsprechenden Körperzone anzeigen.

Rot steht für hohe Körpertemperatur, blau und schwarz zeigen niedrige Wärmegrade an. Dazwischen gibt es natürlich noch andere Farbnuancen. Je nach Übungssequenz und wenn ich nun etwa die Silbe „Mo“ wiederholt töne, können sich große Veränderungen im Körper zeigen. Über die Temperatur und Farbe ist die Unvergleichlichkeit jedes Menschen beleg- und darstellbar.

Gibt es Grenzen für die Stimme?

Nein, oder nur dann, wenn ich meine Stimme mit der von anderen vergleiche. Wenn ich singen möchte wie Maria Callas oder Edith Piaf, stoße ich natürlich schnell an meine Grenzen. Für mich ist die Stimme an persönliches Wachstum gebunden, wodurch sie sich zu einer individuellen, unvergleichlichen Stimme entwickeln kann.

Welche Stimmen mögen Sie selbst am liebsten?

(Lacht) Die von meinem Mann!

Und wie würden Sie diese Stimme beschreiben?

Mein Mann stammt aus der Nähe von Passau. Er hat eine schöne, tiefe, niederbayerische Stimme, der manchmal die Klarheit nach vorne etwas fehlt. Das ist etwas, was die Stimmen der Norddeutschen oft auszeichnet. Und was die Österreicher eher nervt. Dieses Klare, Preußische, gut Artikulierte und Versierte.

Wie klingt das Österreichische für Sie?

Die Österreicher zeigen mehr Gemüt oder Gefühlsfärbung, was sich in einem weichen Klang und vielen Klangfarben äußert. Die Wärme und der Musikreichtum dieser Kultur sind in der Stimme ebenso enthalten wie in der Sprache.

Wenn ich als Deutsche in Österreich Erfolg haben will, sollte ich den Österreichern stimmlich entgegen kommen? Und wenn ja, inwiefern?

Auf jeden Fall. Nur nicht im Dialekt, das klingt dann eher peinlich. Zunächst ist das Zuhören in einem ungewohnten Sprachraum eine wesentliche Voraussetzung, um überhaupt Menschen besser kennen zu lernen. Speziell in Österreich wäre Weichheit wichtig sowie die Bereitschaft, sich in die Dynamik des österreichischen Gesprächspartners einzufühlen.

Was bedeutet Dynamik in diesem Zusammenhang?

Bei zu forschem Auftreten eines Deutschen neigt der Österreicher dazu, sich zu verschließen. Die Deutschen sprechen in der Regel schneller, fragen häufig nach und formulieren gerne. Der Österreicher zeigt seine Befindlichkeit weniger in der Formulierung als in der Art des Sprechens. Er nimmt gerne Raum ein und kann sich darin schließlich öffnen. Aber er will nicht aufgrund einer einzigen Frage und schon gar nicht in einer kurzen Antwort sein ganzes Leben preisgeben.

Und wenn ein Österreicher nach Deutschland kommt, worauf muss er dann achten?

Ach, der wird an sich schon recht freundlich empfangen. Weil er das Gemüthafte vermittelt, das uns Deutschen immer sehr wohl tut. Manchmal werden Österreicher vielleicht belächelt, weil sie den Deutschen unbekannte Ausdrücke verwenden und dadurch zunächst rhetorisch weniger versiert klingen.

Aber sie müssen sich gewiss nicht verstecken. Denn die Deutschen beneiden die Österreicher um ihre warme und ruhige Sprache.

Magna, der österreichisch-kanadische Autozulieferer, hat sich beim Einstieg bei Opel gegen den italienischen Konzern Fiat durchgesetzt. In der „Süddeutschen Zeitung“ war vom „wärmenden österreichischen Singsang“ des freundlichen Magna-Co-Chefs Siegfried Wolf die Rede. Offenbar ist es ihm gelungen, auch damit ein positives Klima bei den Verhandlungen zu schaffen. Glauben Sie, dass Wirtschaftsbosse von großen Unternehmen durch Sprache und Stimme am Image und Erfolg des Konzerns mitwirken können?

Ja, das glaube ich. Man spricht ja von Resonanz in der Kommunikation, also von Zustimmung, und von Konsonanz , dem Gleichklang. Das sind Phänomene, die an eine schwingende, ansprechende Stimme gekoppelt sind. Innere Ruhe, ein gewisser Tiefgang und Integrität werden in der Sprache hörbar und kommen den Verhandlungen zugute.

Der Schauspieler Christoph Waltz hat in Cannes die Goldene Palme für seine Rolle als SS-Offizier in den Film „Inglorious Basterds“ von Quentin Tarantino verliehen bekommen. Waltz hat erklärt: Das „Österreichische swingt besser als das Deutsche“. Hat er Recht?

So sehe ich, oder besser gesagt, so höre ich das auch! Österreicher können innere Stimmungen stimmlich gut zum Ausdruck bringen. Beim Hörer kann dies als Swing ankommen. Auf jeden Fall kenne ich das Gefühl, in österreichischer Gesellschaft beschwingt zu sein, und zwar noch bevor der Heurige auf dem Tisch steht!

Zur Person

Maria Höller-Zangenfeind, geboren 1952 in Eschenbach/Oberpfalz, Deutschland, ist Körperpsychotherapeutin und bekannt geworden durch ihre Methode „Atem-Tonus-Ton“, eine körperorientierte Stimmbildung. Die eigene Stimme soll sich aus den vitalen und sensiblen Kräften des Menschen entwickeln. Zugleich wird damit die Persönlichkeit gestärkt.

Maria Höller-Zangenfeind ist Schülerin von Ilse Middendorf, die als die Grande Dame der Atemtherapie gilt und bereits 1965 in Berlin ein Institut für Atemtherapie gründete. Heute wird der von ihr entwickelte „Erfahrbare Atem“ nicht nur in ganz Europa, sondern auch in den USA (San Francisco) gelehrt. Bei dieser ganzheitlichen Heilmethode sollen Körper, Seele und Geist durch freies Atmen durchlässig werden und gesunden. Ilse Middendorf ist Anfang Mai 2009 im Alter von 98 Jahren verstorben.

Maria Höller-Zangenfeind bietet Seminare in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Japan an. Am 28. und 29. November 2009 findet ein von ihr geleitetes Seminar in Wien statt. Ebenfalls in Wien beginnt im März 2010 eine Ergänzungsausbildung „Atem-Tonus-Ton“ für künstlerische, therapeutische und pädagogische Berufe.

Maria Höller-Zangenfeind: „Stimme von Fuß bis Kopf“. Studien Verlag, Innsbruck 2004.

www.maria-hoeller.de

Sonja Panthöfer, geboren 1967, arbeitet als Journalistin und Coach. Sie lebt in München. Ihr gemeinsam mit Andreas Wirthensohn verfasstes Buch „Keine Zeit zum Älterwerden. 16 Porträts von aktiven Menschen“ ist im Knesebeck Verlag erschienen.

Der Artikel im Internet
Eine erfolgreiche Stimme klingt authentisch
(Wiener Zeitung 31.07.2009)

(Christoph Habegger im Interview – Spa World Business Ausgabe 02/2009)

Fernöstliche Bewegungslehren sind fixer Bestandteil im Angebot von Spa-Hotels.

Westliche Lehren wie die Feldenkrais-Methode sind zwar in anderen Bereichen, wie in Kunst und Kultur, gut etabliert, die Wellness-Branche hat sie aber scheinbar noch nicht entdeckt, dabei passt sie ideal in ein entsprechendes Angebot, denn Feldenkrais ist eine Art Körperarbeit, die abgesehen von ihrem entspannenden Effekt nachhaltige Erfolge für Körper, Geist und Seele erzielt. „Wahrscheinlich liegt es daran, dass sich keine Trendmacher hinter der Feldenkrais-Methode verstecken, die Lehrenden selber an ihrer eigenen Bewusstheit und Wahrnehmung – zwei häufig fallende Schlagwörter – üben, kurz, sie versuchen, ihre eigene Lehre zu leben.“ Christoph Habegger, Feldenkrais- und Universitätslehrer, fügt hier noch hinzu, dass die Methode ihren Fokus auf das Lernen als Motivation legt. Damit sind keine Scheu vor persönlicher Entwicklung und der Wille und Mut zur Veränderung die wichtigsten Voraussetzungen.

Moshé Feldenkrais (1904 – 1984)
Die Methode ist nach ihrem Begründer benannt. Moshé Feldenkrais, dessen Karriere als promovierter Physiker einen Bogen über die Nukleartechnik bei den Nobelpreisträgern Irene Juliot-Curie und Frédéric Juliot bis zur Sonartechnik zur U-Boot-Erkennung bei der britischen Admiralität spannte, ist mit 14 Jahren aus seiner Geburtsstadt Slawuta in der Ukraine in das damalige Palästina ausgewandert.

Über sich selber lernen, ist ein Geschenk des Lebens und ein lebenslanger Prozess. Moshé Feldenkrais
Schon damals kam er in Kontakt mit ganzheitlichen Körpertrainings, als er Jiu-Jitsu lernte. Im Paris der 30er Jahre machte er Bekanntschaft mit Jigoro Kano, dem Begründer des Judo. Parallel zu seiner technischen Arbeit erweiterte er sein Wissen mit dem Studium von neurophysio- und -psychologischen Büchern. Nach der Gründung Israels kehrte er dorthin zurück. Neben seiner Arbeit in einem Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums begann er seine Methode zu entwickeln, veröffentlichte 1949 das erste Buch „Body and Mature Behaviour“ und widmete sich ab 1952 ausschließlich dem Unterricht und der Ausbildung neuer Praktizierender der Feldenkrais-Methode.

Die Methode
Allem voran geht es um die Schulung der Wahrnehmung und Bewusstheit. Feldenkrais übt das Erkennen der eigenen Bewegungsmuster und – davor – das Erspüren, welche Körperteile überhaupt an einer Bewegung beteiligt sind. Dabei erkennt der Übende, ob eine Bewegung optimal ausgeführt wird. In der Variation mit anderen Bewegungsmustern kann herausgefiltert werden, wie ein solches optimiert werden kann. Meist geht mit der Veränderung in einem Bewegungsverhalten auch eine Veränderung im Umgang mit der Umwelt einher.

„Wenn du weißt, was du tust, kannst du tun, was du willst.“ Moshé Feldenkrais
Der Erfolgsfaktor für die Methode liegt im Menschen selber. Feldenkrais fand heraus, dass das menschliche Nervensystem eine angeborene Intelligenz hat. Der Körper merkt sich daher sofort, wenn eine Bewegung leichter geht und ersetzt die ungünstigere beinahe von alleine oder entwickelt ein Handlungsrepertoire, das ihm ermöglicht, in unterschiedlichen Situationen angemessen zu reagieren. Habegger veranschaulicht dies in einem Beispiel: „Jeden Tag nehme ich denselben Weg zur Arbeit. Eines Tages ist dieser Weg aus irgendeinem Grund versperrt. Kenne ich keinen anderen Weg, werde ich mich vielleicht verirren oder zumindest zu spät zur Arbeit kommen. Mache ich es mir hingegen zum Spiel, jeden Tag einen anderen Weg zu finden, werde ich bald die ganze Gegend kennen!“ Für diese Wahrnehmungsschulung hat Feldenkrais zwei Systeme entwickelt.

„Bewusstheit durch Bewegung“
Dieses System ist für den Gruppenunterricht gedacht. Dabei führt der Übende die Anweisung des Feldenkrais-Lehrenden aus. Es gibt keine Korrektur, denn es geht nicht um die perfekte Bewegung, sondern um das eigenständige Herausfinden, welche Form der Bewegung optimaler ist. Unter Bewegung stellt man sich aber wahrscheinlich mehr vor, als tatsächlich passiert. Bewegung im Feldenkrais ist etwas ganz kleines, das unter Umständen von außen auch nicht sichtbar ist. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: wenn der Übende am Rücken liegt und nur im Ansatz versucht, das Bein zu heben, ist wahrscheinlich für den Betrachter keine Bewegung sichtbar, im Körper selber finden aber viele kleine Prozesse statt, die nur bei einem minimalen Unterschied die Effizienz der tatsächlich großen Bewegung weitgehend steigern können. Mit Spannung kann der Übende beobachten, dass der Körper derart leicht umlernt, dass er es – während man nur auf einer Seite geübt hat – auf der anderen Seite von ganz alleine macht. Habegger erklärt auch, warum eine solche Gruppenstunde emotionale Auswirkungen und somit einen Einfluss auf das Seelenleben haben kann. Im menschlichen Körper ist die Lebensgeschichte gespeichert, jedes Haltungs- und Bewegungsmuster ist gleichsam Ausdruck der eigenen Geschichte. Indem wir einen bestimmten Körperteil bewegen, wird auch die in jenem Teil gespeicherte Information bewegt.

„Funktionale Integration“
Die Einzelarbeit nach Feldenkrais ist eine passive Methode, das heißt, der Feldenkrais-Lehrer bewegt den Klienten. Eine derartige Sitzung ist vergleichbar zielgerichteter. Der Lernende gibt das Thema vor, sei es ein Schmerz im Knie, leichteres Geige-Spielen oder Ähnliches. Gemeinsam wird nach einer Referenzbewegung gesucht, etwa dem Aufsetzen des Fußes oder dem Bogenschwung, um bei den Beispielen zu bleiben. Der Feldenkrais-Lehrer kann sich so ein Bild von der Bewegungsorganisation machen. Nun beginnt die manuelle Arbeit des Lehrenden, der den Klienten berührt oder einzelne Körperteile bewegt. Der Klient kann auf passive Weise weitere Bewegungsmöglichkeiten kennen lernen und erkennen, wie einzelne Körperstrukturen an Bewegungen beteiligt sind. Am Ende der Lektion wird die Referenzbewegung wieder aufgenommen. Die individuelle Arbeit wirkt viel direkter in ein lange eingeübtes Bewegungs- und Verhaltensmuster ein und ermöglicht eine erweiternde und oft auch erleichternde Veränderung.

Anwendungsgebiete
Wie eingangs erwähnt, ist die Feldenkrais-Methode abgesteckt auf das aktive Lernen. Dementsprechend vielfältig gestalten sich die Anwendungsbereiche. Feldenkrais findet sich in der Rehabilitation nach Unfällen sowie in der Gesundheitsvorsorge, aber auch zur alternativen Behandlung bei neurologischen Erkrankungen. In der Pädagogik und beim Sport werden mit Feldenkrais neue Muster trainiert und in der körperorientierten Psychotherapie verweist die Methode auf gute Erfolge. So unterstreicht Habegger nachdrücklich ein Ziel, mehr Verantwortung für die persönliche Entwicklung und Gesundheit, die Integrität und Authentizität zu übernehmen, wofür Feldenkrais einen außergewöhnlichen Beitrag leistet.

Der richtige Lehrer
In vielen Disziplinen stellt sich die Frage nach der Kompetenz des Unterrichtenden. Diese ist bei jedem Trainer gewährleistet. Die Ausbildung, um unterrichten zu dürfen, dauert vier Jahre, in denen ein „Educational Director“ den Einzelnen größtenteils begleitet. Weiters gibt es Trainer und Assistent Trainer, die eine Bandbreite an zusätzlichen Stilen mit hineinbringen. Für die Auswahl des richtigen Lehrers ist selbstverständlich auch die Chemie verantwortlich und sollte die einmal nicht stimmen, darf ruhig gefragt werden, ob der Lehrer nicht etwas spiegelt, worauf der Übende nicht sehen will.

Christoph Habegger ist Feldenkrais-/Stimm- und Atempädagoge und Universitätslehrer.

Buchempfehlung: „Beweglich sein – ein Leben lang“ Thomas Hanna
SPA WORLD Business, Ausgabe 2/2009

Der Artikel im Internet:
Feldenkrais – Mit kleinen Bewegungen zu ganzheitlichem Wohlbefinden

(Christoph Habegger im Interview mit Arno Plass in Spa World Business Ausgabe 02/2009)

(Die Presse 02.07.2004)

Vor 20 Jahren starb Moshe Feldenkrais. Nach einer Verletzung entwickelte er eine Bewegungs-Methode, die heute noch zu Wellness-und Therapie-Zwecken eingesetzt wird.

Seinen 100. Geburtstag hätte er vor wenigen Wochen gefeiert, heute, Freitag, jährt sich zum 20. Mal der Todestag von Moshe Feldenkrais (1904-1984), Palästina-Pionier, Experimentalphysiker, Verhaltensforscher und leidenschaftlicher Lehrer. In die Geschichte eingegangen ist er als Begründer einer nach ihm benannten Bewegungs- und Lernmethode, die in Folge gesteigerten Gesundheitsbewusstseins und des Wellness-Booms der letzten Jahre zunehmend auch in therapeutischem Zusammenhang genannt wird.

„Die Feldenkrais-Methode grenzt an Medizin, Psycho- und Physiotherapie, ist aber weder das eine noch das andere“, sagt Erhard Klammerth, diplomierter Feldenkrais-Lehrer. Feldenkrais liefert vielmehr einen ganzheitlichen Zugang. Simpel erklärt handelt es sich um Bewegungsübungen (keine Gymnastik!) mit mentalem Hintergrund. „Es geht immer um Bewegung und darum, zu bemerken, wie ich es tue, und herauszufinden, ob es auch angemessen ist und welche weiteren Wahlmöglichkeiten es gibt. Zentral dabei ist das selbstbestimmte Lernen, also zu lernen, wie man lernt, besser mit sich umzugehen und so seine potenziellen Fähigkeiten zu verwirklichen“, schildert Klammerth die These von Feldenkrais.

Feldenkrais litt nach einem Unfall beim Fußballspielen an einer komplizierten Knieverletzung und verlagerte seine sportlichen Aktivitäten fortan auf asiatische Kampfsportarten. In Palästina, wohin er 14-jährig aus Russland immigriert war, begann er, sich mit Jiu-Jitsu zu beschäftigen und unterrichtete diese Sportart auch bald schon in der Haganah, der Vorläuferin der israelischen Armee.

1928 ging Feldenkrais nach Paris, um an der Sorbonne Maschinenbau, Elektrotechnik und später Physik zu studieren. Nach der Promotion arbeitet er am Institut Pasteur bei Joliot-Curie. In Paris begegnete er Jigaro Kano, dem Begründer des Judo. Der „sanfte Weg“ (so die wörtliche Übersetzung) faszinierte Feldenkrais so sehr, dass er als erster Europäer den schwarzen Gürtel erwarb, zwei Judo-Bücher schrieb und in Paris die erste europäische Judovereinigung gründete.

1940 dann die Flucht vor den Nazis, Anheuerung bei der britischen Marine. Nach einem Sturz auf einem U-Boot verschlechterte sich der Zustand seines Knies. Ein chirurgischer Eingriff schien unumgänglich. Angesichts der damaligen Operationsmethoden entschied sich Feldenkrais jedoch dagegen, verschlang statt dessen Unmengen Literatur über Verhaltensforschung und Medizin, besonders über Neurologie und Körpermechanik. Das neue Wissen als Basis, experimentierte er selbst mit kleinsten, langsamsten Bewegungen – nach drei Monaten konnte er wieder gehen. Er entdeckte seine Bewegungen nach dem Vorbild der Entdeckerneugier eines Kindes komplett neu. Hilfreich dabei war ihm auch sein Wissen als Judoka, aber auch als Physiker und Ingenieur.

Die Erfahrung der „Selbstheilung durch Selbstlernung“ wurde fortan zu seinem Thema. 1949 lieferte Feldenkrais mit dem Buch über „Body and Mature behaviour“ (zu deutsch „Der Weg zum reifen Selbst“) erstmals die theoretischen Grundlagen seiner Arbeit.

Eine wichtige Errungenschaft liegt in der Beobachtung, dass Sensorik und Motorik untrennbar miteinander verbunden sind. „Jeder sensorische Eindruck löst eine Bewegung aus“, sagt Klammerth. Wenn etwa die Sonne blendet, bedecken wir die Augen, wenn wir auf eine heiße Herdplatte greifen, ziehen wir sofort die Hand zurück. „Wenn die Motorik gestört ist, kann man sie über sensorische Reize wieder in Gang bringen, vorausgesetzt die Sensorik ist noch in Takt.“ Das spiele in der Praxis ein große Rolle bei Schädel-Hirn-Traumata, einem wichtigen therapeutischen Anwendungsbereich der Methode von Feldenkrais.

Dieser entwickelte zunächst eine Einzelbehandlungs-Methode, die rasch bekannt wurde. Yehudi Menuhin kam zu ihm, um von ihm zu lernen, Israels Ministerpräsident Ben Gurion befreite Feldenkrais von seinem Rückenleiden. Das Prinzip war stets, den Schülern zu vermitteln, sich in ihrer Bewegung neu zu etablieren. „Erst wenn wir wissen, was wir tun, können wir tun, was wir wollen“, so einer seiner Grundsätze.

Aufgrund der großen Nachfrage entwickelte Feldenkrais ab 1955 Gruppentechniken. In den folgenden Jahren erarbeitete er einige tausend bis heute gültige Lektionen. In jeder einzelnen werden die Schüler auf neue kreative Weise mit ihrer Bewegung konfrontiert. „Bewusstheit durch Bewegung“ lautete folglich das Prinzip, das auf eine individuelle Verbesserung von Bewegung und Lernprozess zielt.

1960 begann Feldenkrais, seine Methode an „Jünger“ weiterzugeben, die erste Ausbildung fand 1960 in Israel statt. In Europa schaffte er in den siebziger Jahren den Durchbruch von der Schweiz aus, „zwölf Radiolektionen“ brachten ihm internationale Anerkennung. Es folgten Ausbildungen in den USA, Deutschland und Frankreich. Bremsen konnte den agilen Querdenker erst ein Schlaganfall. Am 2. Juli 1984 starb er in seinem Haus in Tel Aviv.

Heute gibt es weltweit um die tausend Feldenkrais-Lehrer, in Österreich sind es ungefähr 120. Berechtigt zum Unterricht sind ausschließlich diplomierte Feldenkrais-Lehrer, die eine international anerkannte vierjährige Ausbildung mit Abschlussprüfung absolviert haben. Der Unterricht findet in Form von Gruppenarbeit („Bewusstheit durch Bewegung“) oder Einzelarbeit („Funktionale Integration“) statt.

Therapeutisch sinnvoll ist die Feldenkrais-Methode insbesondere bei Nacken- und Schulterbeschwerden, bei Multipler Sklerose, bei der Rehabilitation von Schädel-Hirnverletzten und Schlaganfall-Patienten, bei geistig und lernbehinderten Kindern, bei der Geburtsvorbereitung sowie als Ergänzungsbehandlung bei Patienten mit Krebs oder Essstörungen.

Der Artikel im Internet
Langsame Bewegungen statt Operation: Feldenkrais‘ Methode der Selbstheilung
(Die Presse 02.07.2004)