Präsenz und Ausdruckskraft in Aufrichtung und Stimme
Von Christoph Habegger und Angelica Feldmann

Stimme ist ein ganzkörperliches Geschehen und eine wesentliche Funktion des Lebens. Von Kleinkind an geben wir unserem Befinden und unseren Bedürfnissen stimmlichen Ausdruck, lange bevor wir uns in Worten auszudrücken vermögen. Stimme ist Teil der kindlichen senso-motorischen Entwicklung. Über die Integration von Empfindung wirkt sie nach innen. In der Interaktion mit der Umgebung nach außen.
Stimme bleibt stets eng verbunden mit unserem Selbstempfinden. Es gibt eine persönliche leibliche Biografie, die den Stimmausdruck umfasst. Wann und ob wir die Stimme erheben, hängt eng damit zusammen. Während Sprache bis zu einem hohen Grad willentlich gesteuert wird, scheint in der Stimme das Unbewusste auf.

Die meisten Menschen „haben“ eine Stimme. Sie nehmen ihren persönlichen Klang und Ausdruck als gegeben an, als unveränderbar. Manche Menschen mögen sich selber nicht hören. Könnte man sagen, es gibt nicht nur Körperentfremdung, sondern auch Stimmentfremdung? Und hängt dies eventuell recht eng zusammen?

Erst in der „Luxusfunktion“, in der Gesangsstimme oder Bühnensprache, bekommt stimmlicher Ausdruck Gewicht und wird bewusst wahrgenommen. Hier werden Techniken entwickelt und Höchstleistungen erbracht. Häufig auf Kosten der Verkörperung der Stimme – und manchmal auch auf Kosten der Eigentümer.

In unseren Seminaren „Präsenz und Ausdruckskraft in Aufrichtung und Stimme“ begegnen sich die Wirkungsweise der Feldenkrais-Methode und von Atem-Tonus-Ton. Aus verschiedenen Perspektiven werden die körperlichen Voraussetzungen für authentischen, persönlichen Stimmklang untersucht.
Am Anfang jedes stimmlichen Ausdrucks steht der Atem. Was wir als Stimme hören, ist bewegte Luft, die der Körper entlässt. Wie die Stimme trägt und klingt, hängt unter anderem ab von der Durchlässigkeit des Körpers für die Atembewegung, von der Kraft des Atems, von der Spannkraft der Muskulatur, die die Tonspannung stützt, und der Schwingungsfähigkeit der Knochen, die den Ton leiten.

Bewegung befreit den Atem aus festgelegten Mustern

Das Atemgeschehen verläuft weitgehend unbewusst und ist nur bedingt kontrollierbar. Es ist für jeden Menschen einmalig. Die autonome Atemfunktion bildet eine Brücke zum Unbewussten, da der Atem sensibel wie ein Seismograf auf alle inneren wie äußeren, bewussten wie auch unbewussten Einflüsse reagiert. Atem ist mehr als eine körperliche Funktion mit dem phonetischen Ergebnis Stimme. Der Atem kann uns helfen, im Moment ganz anwesend zu sein. Er fördert somit physische und psychische Präsenz.
Atembewegung breitet sich im ganzen Körper aus, und das kann man spüren. Eine der einfachsten Möglichkeiten, den Atem aus festgelegten und einschränkenden Mustern zu befreien, bietet Bewegung. Bewegung beeinflusst den Atem, ohne dass wir willentlich eingreifen müssten. Dabei spielt eine große Rolle, dass unser Skelett seine stützende Funktion ausüben und Kräfte weiterleiten kann, und möglichst viele Muskeln von Haltearbeiten befreit werden. Dem Erlebnis einer inneren Kraft, die den Körper reflektorisch über die tonisch kontrahierende Skelettmuskulatur ohne jegliche willkürliche Muskelanstrengung aufrichtet, folgt die Entdeckung einer bisher unbekannten Beweglichkeit des Rumpfes. Unsere Körperwände können der Innenbewegung des Atems leichter nachgeben, was sich positiv auf die Öffnung der Gelenke, die Länge der Wirbelsäule und die Aufrichtung des Kopfes auswirkt.

Die Vitalität unserer Innenräume

Auf die Stimme bezogen, fördern die Kräfte aus den Beinen und dem Becken die Kraft und Länge eines Tones. Dabei werden die sensiblen Bereiche rund um den Kehlkopf entlastet. Die Muskulatur des Kehlkopfes ist beim Singen und Sprechen nicht unmittelbar steuerbar. Unsere Ausatemluft versetzt die Stimmlippen in Schwingung. Diese erzeugen den primären Kehlkopfton. Das Zwerchfell als Hauptatemmuskel, die Atemhilfsmuskulatur und die Stimmlippen sorgen für das notwendige Verhältnis aus Druck, Widerstand und Sog. Da sich dieses im Verlauf einer Stimmphrase von Überdruck auf Unterdruck verändert, sind diese Systeme in ununterbrochener Adaption gefragt. Wird die Spannung am Ende einer Tongebung gelöst, geht dies einher mit einer vertieften, reflektorischen Einatmung. Es entsteht ein organischer Wechsel zwischen Spannung und Lösung. Selbst bei größter Belastung kann so ein Gleichgewicht beibehalten werden.

Unsere Diaphragmen, die horizontalen Muskelformationen des Körpers – wie Gaumensegel, Mundboden, Stimmlippen, Zwerchfell oder Beckenboden – wirken als Schwingböden gleichermaßen trennend wie verbindend. Werden die darüber und darunter liegenden Räume in ihrem Eigengewicht oder der Resonanzschwingung erfahren, finden sie zu einem angemessenen Tonus und können als System besser zusammenwirken. Dies fördert die Vitalität unserer Innenräume.

Der Einsatz eines Tones beginnt im Kehlkopf. Über die Knochen werden diese Vibrationen weitergeleitet, der jeweils umliegende Körperraum schwingt mit. Wenn die feinen Schwingungen des Tones den Körperraum mitklingen lassen, spricht man von Resonanzraum. Der Ton entwickelt sich zum Klang. Dass dabei auch seelische Anteile transportiert werden, ist nicht nur unvermeidbar, sondern geradezu notwendig. Wer nur die Sonnenseite seiner Stimme zeigen möchte, vermittelt eine unangenehme Bemühtheit. Eine organische, wohlklingende Stimme spricht aus dem ganzen Körper. Hier gilt es, übernommene Klangvorstellungen von „schönen“ und „hässlichen“ Tönen außen vor zu lassen. Die eigene Stimme zu finden, erfordert Hingabe. Sich in der Welt hörbar zu machen, Mut. Brüchige oder unsichere Töne bergen das Potenzial zur weiteren stimmlichen Entfaltung. Nur wer sich dieser „Schattenseite” annimmt, findet seine eigene Stimme.

Wir hören nicht nur Stimme, wir spüren sie auch

Akustische Präsenz entsteht nicht durch Lautstärke. Wenn sich das Wahrnehmungsfeld vom eigenen Körper in den Außenraum ausdehnt, wird auch der Klangraum erweitert. Es entsteht Volumen ohne Druck. Über den Kontakt zur Umwelt erfährt die Aussage eine Richtung. In der darstellenden Kunst spricht man vom „Senden”. Als Empfänger werden wir von Schwingung berührt. Wir hören nicht nur Stimme, wir spüren sie auch. Durch dieses Bewegtsein können wir nachvollziehen, was gemeint ist. Die Kommunikation wird durch den Klang der Stimme wesentlich beeinflusst. Wenn die Person „hinter der Stimme“ aufscheint, wachsen Überzeugungskraft und Vertrauen.

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