Präsenz und Ausdruckskraft in Aufrichtung und Stimme
Von Christoph Habegger und Angelica Feldmann

Stimme ist ein ganzkörperliches Geschehen und eine wesentliche Funktion des Lebens. Von Kleinkind an geben wir unserem Befinden und unseren Bedürfnissen stimmlichen Ausdruck, lange bevor wir uns in Worten auszudrücken vermögen. Stimme ist Teil der kindlichen senso-motorischen Entwicklung. Über die Integration von Empfindung wirkt sie nach innen. In der Interaktion mit der Umgebung nach außen.
Stimme bleibt stets eng verbunden mit unserem Selbstempfinden. Es gibt eine persönliche leibliche Biografie, die den Stimmausdruck umfasst. Wann und ob wir die Stimme erheben, hängt eng damit zusammen. Während Sprache bis zu einem hohen Grad willentlich gesteuert wird, scheint in der Stimme das Unbewusste auf.

Die meisten Menschen „haben“ eine Stimme. Sie nehmen ihren persönlichen Klang und Ausdruck als gegeben an, als unveränderbar. Manche Menschen mögen sich selber nicht hören. Könnte man sagen, es gibt nicht nur Körperentfremdung, sondern auch Stimmentfremdung? Und hängt dies eventuell recht eng zusammen?

Erst in der „Luxusfunktion“, in der Gesangsstimme oder Bühnensprache, bekommt stimmlicher Ausdruck Gewicht und wird bewusst wahrgenommen. Hier werden Techniken entwickelt und Höchstleistungen erbracht. Häufig auf Kosten der Verkörperung der Stimme – und manchmal auch auf Kosten der Eigentümer.

In unseren Seminaren „Präsenz und Ausdruckskraft in Aufrichtung und Stimme“ begegnen sich die Wirkungsweise der Feldenkrais-Methode und von Atem-Tonus-Ton. Aus verschiedenen Perspektiven werden die körperlichen Voraussetzungen für authentischen, persönlichen Stimmklang untersucht.
Am Anfang jedes stimmlichen Ausdrucks steht der Atem. Was wir als Stimme hören, ist bewegte Luft, die der Körper entlässt. Wie die Stimme trägt und klingt, hängt unter anderem ab von der Durchlässigkeit des Körpers für die Atembewegung, von der Kraft des Atems, von der Spannkraft der Muskulatur, die die Tonspannung stützt, und der Schwingungsfähigkeit der Knochen, die den Ton leiten.

Bewegung befreit den Atem aus festgelegten Mustern

Das Atemgeschehen verläuft weitgehend unbewusst und ist nur bedingt kontrollierbar. Es ist für jeden Menschen einmalig. Die autonome Atemfunktion bildet eine Brücke zum Unbewussten, da der Atem sensibel wie ein Seismograf auf alle inneren wie äußeren, bewussten wie auch unbewussten Einflüsse reagiert. Atem ist mehr als eine körperliche Funktion mit dem phonetischen Ergebnis Stimme. Der Atem kann uns helfen, im Moment ganz anwesend zu sein. Er fördert somit physische und psychische Präsenz.
Atembewegung breitet sich im ganzen Körper aus, und das kann man spüren. Eine der einfachsten Möglichkeiten, den Atem aus festgelegten und einschränkenden Mustern zu befreien, bietet Bewegung. Bewegung beeinflusst den Atem, ohne dass wir willentlich eingreifen müssten. Dabei spielt eine große Rolle, dass unser Skelett seine stützende Funktion ausüben und Kräfte weiterleiten kann, und möglichst viele Muskeln von Haltearbeiten befreit werden. Dem Erlebnis einer inneren Kraft, die den Körper reflektorisch über die tonisch kontrahierende Skelettmuskulatur ohne jegliche willkürliche Muskelanstrengung aufrichtet, folgt die Entdeckung einer bisher unbekannten Beweglichkeit des Rumpfes. Unsere Körperwände können der Innenbewegung des Atems leichter nachgeben, was sich positiv auf die Öffnung der Gelenke, die Länge der Wirbelsäule und die Aufrichtung des Kopfes auswirkt.

Die Vitalität unserer Innenräume

Auf die Stimme bezogen, fördern die Kräfte aus den Beinen und dem Becken die Kraft und Länge eines Tones. Dabei werden die sensiblen Bereiche rund um den Kehlkopf entlastet. Die Muskulatur des Kehlkopfes ist beim Singen und Sprechen nicht unmittelbar steuerbar. Unsere Ausatemluft versetzt die Stimmlippen in Schwingung. Diese erzeugen den primären Kehlkopfton. Das Zwerchfell als Hauptatemmuskel, die Atemhilfsmuskulatur und die Stimmlippen sorgen für das notwendige Verhältnis aus Druck, Widerstand und Sog. Da sich dieses im Verlauf einer Stimmphrase von Überdruck auf Unterdruck verändert, sind diese Systeme in ununterbrochener Adaption gefragt. Wird die Spannung am Ende einer Tongebung gelöst, geht dies einher mit einer vertieften, reflektorischen Einatmung. Es entsteht ein organischer Wechsel zwischen Spannung und Lösung. Selbst bei größter Belastung kann so ein Gleichgewicht beibehalten werden.

Unsere Diaphragmen, die horizontalen Muskelformationen des Körpers – wie Gaumensegel, Mundboden, Stimmlippen, Zwerchfell oder Beckenboden – wirken als Schwingböden gleichermaßen trennend wie verbindend. Werden die darüber und darunter liegenden Räume in ihrem Eigengewicht oder der Resonanzschwingung erfahren, finden sie zu einem angemessenen Tonus und können als System besser zusammenwirken. Dies fördert die Vitalität unserer Innenräume.

Der Einsatz eines Tones beginnt im Kehlkopf. Über die Knochen werden diese Vibrationen weitergeleitet, der jeweils umliegende Körperraum schwingt mit. Wenn die feinen Schwingungen des Tones den Körperraum mitklingen lassen, spricht man von Resonanzraum. Der Ton entwickelt sich zum Klang. Dass dabei auch seelische Anteile transportiert werden, ist nicht nur unvermeidbar, sondern geradezu notwendig. Wer nur die Sonnenseite seiner Stimme zeigen möchte, vermittelt eine unangenehme Bemühtheit. Eine organische, wohlklingende Stimme spricht aus dem ganzen Körper. Hier gilt es, übernommene Klangvorstellungen von „schönen“ und „hässlichen“ Tönen außen vor zu lassen. Die eigene Stimme zu finden, erfordert Hingabe. Sich in der Welt hörbar zu machen, Mut. Brüchige oder unsichere Töne bergen das Potenzial zur weiteren stimmlichen Entfaltung. Nur wer sich dieser „Schattenseite” annimmt, findet seine eigene Stimme.

Wir hören nicht nur Stimme, wir spüren sie auch

Akustische Präsenz entsteht nicht durch Lautstärke. Wenn sich das Wahrnehmungsfeld vom eigenen Körper in den Außenraum ausdehnt, wird auch der Klangraum erweitert. Es entsteht Volumen ohne Druck. Über den Kontakt zur Umwelt erfährt die Aussage eine Richtung. In der darstellenden Kunst spricht man vom „Senden”. Als Empfänger werden wir von Schwingung berührt. Wir hören nicht nur Stimme, wir spüren sie auch. Durch dieses Bewegtsein können wir nachvollziehen, was gemeint ist. Die Kommunikation wird durch den Klang der Stimme wesentlich beeinflusst. Wenn die Person „hinter der Stimme“ aufscheint, wachsen Überzeugungskraft und Vertrauen.

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(Frankfurter Allgemeine 02.05.2014)

Die Feldenkrais-Methode ist eine Therapie, die nichts Spirituelles an sich hat. Benannt nach ihrem Erfinder, soll sie helfen, Körperhaltung und Selbstbild zu verbessern.
02.05.2014, von Volker Stollorz

Kinder sind glücklich, wenn sie das erste Mal auf eigenen Füßen stehen. Mit dem aufrechten Gang erobern sie sich die Welt. Sarah ist davon weit entfernt. Sechzehn Monate ist das Mädchen alt, doch es bewegt sich kaum. Bei der Geburt gab es Komplikationen, dem Gehirn mangelte es kurze Zeit an Sauerstoff. So lernte Sarah nicht krabbeln, wie es Kleinkinder sonst tun, nicht aufrecht sitzen, nicht sprechen. Zu Hause weint das Kind viel. Wir sehen es nun regungslos auf einer braunen Therapiebank liegen. Wie könnte man ihm bloß helfen?

Knapp sechzig Schülerinnen und Schüler verfolgen im Feldenkrais-Zentrum in Vussem in der Eifel den Lehrfilm über Sarahs Fall. Chava Shelhav hat ihn 2013 in Tel Aviv aufgezeichnet. Die Israelin war eine der ersten Schülerinnen von Moshé Feldenkrais. Bei ihm lernte sie die Methode des „organischen Lernens“ kennen. Bewusstheit entsteht durch Bewegung, war Feldenkrais überzeugt. Und davon, dass unser Bewegungsapparat zu viel mehr fähig ist, als wir selbst annehmen würden.

„Wenn du weißt, was du tust, kannst du tun, was du willst“

Moshé Feldenkrais, 1904 in der Ukraine geboren und 1984 in Tel Aviv gestorben, hatte seine eigenwillige Bewegungslehre über Jahrzehnte hinweg entwickelt. Durch „funktionale Integration“ versuchte er, das Selbstbild seiner Klienten zwanglos und in kleinsten Schritten zu verändern. Die Feldenkrais-Methode hat das Ziel, Bewegungsräume zu erweitern. Daran wird in Einzel- oder Gruppenstunden gearbeitet, mittels Wiederholung und internem Feedback.

„Wenn du weißt, was du tust, kannst du tun, was du willst“, lautet das Credo, das die Feldenkrais-Methode von Gymnastik, Yoga, Pilates und ähnlichen Spielarten einer Körpertherapie unterscheidet. Hinter Feldenkrais steckt nichts Spirituelles, auch wenn die meisten das denken, wenn sie den Namen zum ersten Mal hören. Basis ist vielmehr die menschliche Anatomie. Und das Erkunden der Wahrnehmungsfähigkeit.

Am Anfang sei alles offen, sagt Chava Shelhav, die wichtige Einsichten ihres Lehrers auf die Bewegungsentwicklung von Kleinkindern übertragen hat. Von ihrer „Child’s Space“-Methode sollen schon Babys profitieren. Deren Selbstwahrnehmung soll angeregt werden. Shelhav setzt insbesondere auf Berührungen und spielerische Bewegungen. Alle Möglichkeiten sollen ausgelotet werden, was häufig genug unterbleibt, wenn die Eltern ihren Nachwuchs in Babywippen oder Gehhilfen stecken.

Soziale Kompetenz und Bewegungssystem

Die Gemeinde der Feldenkrais-Therapeuten ist in Deutschland recht überschaubar. Ähnlich wie beim Yoga und anderen Körpertechniken fehlen bislang wissenschaftliche Studien, die den angestrebten Effekt nachweisen könnten. Zwar mangelt es nicht an beeindruckenden Einzelfallschilderungen. Doch im traditionellen Wissenschaftsbetrieb gelten die wenig.

Grundsätzlich weiß man allerdings, dass die soziale Kompetenz von Erwachsenen eng mit der Reife ihres Bewegungssystems verknüpft ist. Genauso wie ihre Gefühlswelt. Der Grundstein dazu wird ihm in der Wiege vermittelt. Wie ein Mensch sich zu Beginn seines Lebens bewegt hat, wie er stimuliert wurde beim ersten Kontakt mit der Welt – all das spiegelt sich später in seiner Körperhaltung wider.

Ein gutes Beispiel ist der erste bewusste Selbstkontakt, den ein Baby erfährt. Sobald es willentlich beide Hände vor dem Bauch zusammenführen kann, lernt das Gehirn, diesen doppelten Hautkontakt von der bloßen Berührung eines Objekts zu unterscheiden. Zugleich verortet das Hirn die Lage bewegter Glieder im Raum. Je mehr das Kind ausprobiert, desto mehr kann es später an Beweglichkeit abrufen.

(Christoph Habegger im Interview – 10/2013)

Christoph Habegger über Feldenkrais
10.10.2013, Regina Schlager

Der Feldenkrais-Lehrer Christoph Habegger spricht in diesem Interview über die Feldenkrais-Methode und wie sie bei Prozessen der Veränderung und Neuorientierung unterstützen kann.

Regina Schlager (RS): Christoph, du bist Feldenkrais-Lehrer. Bei dir habe ich an einem Samstag Nachmittag einen Einführungsworkshop besucht und die Feldenkrais-Methode kennengelernt. Das war vor sieben Jahren. Seitdem hat sie mich begleitet und mich in meiner persönlichen Entwicklung unterstützt, vor allem auf meinem Weg zu einer beruflichen Tätigkeit, die mir entspricht. Es fällt mir allerdings immer noch schwer, Feldenkrais zu beschreiben. Wie sprichst du in wenigen Worten zu jemandem über die Methode, der noch nicht mit ihr zu tun gehabt hat?

Unsere Grenzen würdigen und unsere Möglichkeiten ausweiten

Christoph Habegger (CH): Die Feldenkrais-Methode ist eine Lernmethode, mit derer Hilfe man zu größerer körperlicher und geistiger Flexibilität gelangen kann. Sie gründet auf der Art und Weise, wie Menschen Bewegung erlernen, wie sich Bewusstheit und Denken entwickeln, wie wir wahrnehmen, und auf welche Art wir lernen, mit unserer Umwelt in Beziehung zu sein.

Moshé Feldenkrais entwickelte zwei Lernmethoden: „Bewusstheit durch Bewegung“  – eine Arbeit in der Gruppe – und „Funktionale Integration“ – eine Einzelarbeit.

In den Gruppenlektionen werden die Lernenden durch eine Abfolge kleiner Bewegungssequenzen geführt, welche im eigenen Tempo, Rhythmus und Ausmaß erforscht werden können. Hierbei gibt es weder „falsch“ noch „richtig“, sondern die Art, wie wir Bewegungsanregungen hören und umsetzen. Hier zeigt sich uns sehr unmittelbar, wie wir mit neuen, unbekannten Situationen umgehen, wie wir unsere Grenzen würdigen und unsere Möglichkeiten ausweiten. Die Lektionen erweitern die Fähigkeiten, mit Präzision, Kraft und Spontaneität zu handeln und vergrößern so unser Lernvermögen.

RS: Ja, das hat mich schon zu Beginn beeindruckt, dass es nicht um „richtig“ oder „falsch“ geht. Ich habe dabei Lernmuster von mir erkannt, immer wieder ist da der Gedanke aufgeblitzt: „Mache ich die Übung jetzt korrekt? Was denkt der Lehrer von mir? Wie führen die anderen sie aus?“ Das war wirklich eine sehr interessante Erfahrung. Und was passiert in der Einzelarbeit?

CH: Die Einzellektionen sind auf die individuellen Bedürfnisse der Lernenden zugeschnitten. Die Lehrenden setzen Berührung ein, um die Bewegungsgewohnheiten der Lernenden zuerst genau wahrzunehmen. Danach führen sie die Lernenden mit dem Einsatz der Hände zu differenzierter, leichterer und leistungsvollerer Bewegungsweise.

Als „Erziehung des Selbst“ in Bewusstheit und Handlung ist die Methode wertvoll für alle, die neue Wege suchen, um freier in ihren Ausdrucksmöglichkeiten und in ihrem Lebensgefühl zu werden – ob in Alltag, Beruf oder Freizeit.

Moshé Feldenkrais

RS: Wer war Moshé Feldenkrais und was hat ihn dazu bewogen, die Feldenkrais-Methode zu entwickeln?

CH: Um Moshé Feldenkrais und seine Methode besser verstehen zu können, sollte man etwas über sein außergewöhnliches Leben wissen.

Moshé Feldenkrais wird 1904 als Nachkomme des Rabbi Pinchas von Koretz in der heutigen Ukraine geboren. Als Vierzehnjähriger schließt er sich einer Gruppe von Auswanderern nach Palästina an. Er begeistert sich für Fußball und lernt und unterrichtet Jiu-Jitsu. Bei seinen sportliche Aktivitäten zieht er sich die erste schwere Knieverletzung zu, die ihn später dazu antreiben wird, seine Arbeit zu entwickeln. Außerdem nimmt er sich als Privatlehrer mit unorthodoxen Methoden schwer zu unterrichtender Kinder an. Es entstehen seine ersten Bücher: Jiu-Jitsu und Selbstverteidigung, Die Verteidigung des Schwachen gegen den Aggressor und ABC des Judo.

Nach dem Abitur geht er 1928 zum Studium nach Paris. Er wird Ingenieur, studiert dafür Elektrotechnik und Mechanik und nimmt anschließend das Physikstudium an der Sorbonne auf. 1933 – 1940 arbeitet er als Nukleartechniker gemeinsam mit dem Ehepaar Joliot-Curie an deren Institut an der ersten Kernspaltung in Frankreich. 1933 lernt er Jigaro Kano, den Begründer des Judo, kennen. 1936 gründen sie gemeinsam den ersten Judo-Club Frankreichs. Im selben Jahr erlangt Feldenkrais als erster Europäer den „Schwarzen Gürtel“.

1940 wird er durch den Einzug der Nationalsozialisten zum Exil gezwungen. Im Auftrag der französischen Exilregierung und mit wichtigen Unterlagen aus dem Laboratorium Joliot-Curie reist er nach England. Auf dieser Reise zieht er sich die zweite schwere Knieverletzung zu. Da nach damaligem medizinischen Stand wenig Chance auf eine Heilung besteht, beginnt er, seine Bewegungsabläufe und -gewohnheiten zu analysieren.

Nach anfänglicher Internierung beginnt er seine Tätigkeit für die britische Admiralität. Das Forscherteam ist stationiert in Fairlie, einem kleinen Dorf an der Westküste Schottlands. Hier begeistert Feldenkrais seine Kollegen für Judo und unterrichtet sie abends in den Räumen der Dorfschule. Er setzt seine Forschungen und Versuche in Neuro- und Verhaltensphysiologie fort und erprobt sie im Gruppenunterricht. 1943 hält er Vorträge vor der British Association of Scientific Workers, später zusammengefasst in seinem grundlegenden Buch Body and Mature Behaviour. Es erscheint 1949 und ist sein erster Versuch, seine Erfahrungen und Überlegungen zu einer Theorie zu verarbeiten.

Nach dem zweiten Weltkrieg lebt Moshé Feldenkrais einige Jahre in London. Er unterrichtet Judo und hält erste Gruppenkurse in „Bewusstheit durch Bewegung“. Trotz des Angebots einer reichen Mäzenin, ihm ein eigenes Institut einzurichten, folgt er 1949 dem Ruf als Leiter der Elektronikabteilung des Verteidigungsministeriums im neugegründeten Staat Israel.

Ab 1952 widmet er sich ausschließlich der eigenen Arbeit. Er unterrichtet an der Universität von Tel Aviv, hält Vorträge in Europa und den USA, und publiziert das erste Buch, in dem er seine Methode mit Anleitungen vorstellt: Der aufrechte Gang, heute Bewusstheit durch Bewegung. Zu seinen bekanntesten Schülern gehören Ben Gurion, Yehudi Menuhin und Peter Brooke. Drei Ausbildungen in der nunmehr nach ihm benannten Methode leitet er selbst: eine in Israel und zwei in den USA.

1984 stirbt Moshé Feldenkrais in Tel Aviv.

Moshé Feldenkrais verkörperte auf einzigartige Weise den ganzheitlichen Ansatz der fernöstlichen Bewegungs- und Kampfkünste mit der didaktischen und analytischen Genauigkeit eines Wissenschafters. Die Hilfe zur Selbsthilfe war für ihn größtes Anliegen.

„Bewusstheit kann die Verwirrung lösen: in ihr scheint einem auf, was vonnöten ist und der Weg dahin. Damit setzt sie die schöpferischen Kräfte frei.“ Moshé Feldenkrais

Die innere Weisheit des Körpers

RS: Inwiefern hilft Feldenkrais aus deiner Sicht bei Prozessen der Veränderung und Neuorientierung, beispielsweise wenn jemand mit seiner beruflichen Tätigkeit nicht mehr zufrieden ist?

CH: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Körper eine innere Weisheit besitzt. Diese Weisheit ist nicht in den gewohnten Denkmustern meines Verstandes zu finden. Sie erschließt sich mir über meine Sinne. Mein Körper weiß, wie sich eine Lebenssituation anfühlt. Er weiß, was verwirklicht werden möchte. Feldenkrais kann uns darin unterstützen, diese intuitiven Kräfte besser zu spüren und mit ihnen in Verbindung zu bleiben. Sie helfen uns, unsere wahren Bedürfnisse zu erkennen und die nächsten Schritte zu setzen.

RS: Soweit ich die Feldenkrais-Methode erfahren und verstanden habe, geht es nicht um das Erbringen von Leistungen. Jeder und jede arbeitet in seinem oder ihrem Tempo, wie du das ja auch bereits beschrieben hast. Es muss kein Ziel erreicht werden. Da kommt bei einigen wahrscheinlich der Gedanke auf: „Ja, aber wie soll ich es dann schaffen, mich zu verändern?“ Veränderung wird in unserer Kultur mit Anstrengung verbunden, meist muss es zudem noch schnell gehen.

CH: Veränderung setzt Neugier, Selbstreflexion und das Wagnis voraus, sich durch den Erkenntnisprozess verändern zu lassen. Wenn Veränderung nachhaltig sein soll, muss sie durch die Sinne gehen. Was wir gefühlvoll erlebt haben, geht uns nicht mehr verloren. Unsere Sinne können sich jedoch nur in dem Maß öffnen, wie wir uns einer Handlung oder Situation hingeben. Jede Form von Anstrengung erzeugt dabei ein Hintergrundgeräusch. Die Nuancen, auf die es ankommt, wenn man sein eigenes Tun hinterfragen und verändern möchte, werden dadurch übertönt.

Lernen kann also nur stattfinden, wenn wir uns wohl, sicher und frei fühlen. Das Gleiche gilt für die Geschwindigkeit: es macht einen Unterschied, ob ich zu Fuß gehe oder im Auto fahre. Das Maß an Aufmerksamkeit nimmt mit dem Tempo ab. Wenn eine neue Handlungsweise in den Alltag integriert wurde, kann ich selbstverständlich mit der Geschwindigkeit spielen. Es spricht also nichts dagegen, schnell zu sein, wenn mir etwas vertraut ist und ich es verkörpert habe.

Beziehung zu sich selbst

RS: Dass dieses Hintergrundgeräusch, das durch Anstrengung entsteht, die Nuancen, auf die es ankommt, übertönt – das ist wunderbar ausgedrückt. So hatte ich es noch nicht gesehen.
Ich sehe als Basis jeder Veränderung die Beziehung zu sich selbst. Kann die Feldenkrais-Methode die Beziehung zu sich selbst beeinflussen?

CH: Absolut! Wenn ich lerne, mich selber besser zu spüren – meine Grenzen, meine Gewohnheiten, aber auch meine Möglichkeiten, meine Kraft, mein Potential – verändert das meine Beziehung zu mir und damit zur Welt. Ich gewinne an Selbstvertrauen und Spontaneität und erkenne meine ganz persönliche Art, Leben wahrzunehmen und umzusetzen. Dadurch setzt auch eine Versöhnung ein mit meiner Lebensgeschichte, den erfahrenen Kränkungen, dem erlittenen Leid, den Vorwürfen mir selbst und anderen gegenüber.

RS: Ja, die Versöhnung mit sich selbst und dem eigenen Leben, das halte ich für ganz zentral. Versöhnung kann nicht von außen kommen. Ohne uns auszusöhnen, können wir nicht wirklich frei sein und offen für Neues. Vielen Dank für das Gespräch!

Christoph Habegger, geboren in Zürich, lebt seit 1991 in Wien. Nach seinem Studium am Konservatorium Wien arbeitete er als Schauspieler und Musicaldarsteller im deutschsprachigen Raum. Seine Feldenkrais-Ausbildung machte er bei Carl Ginsburg in Lewes, England. Es folgten Weiterbildungen in Atem-Tonus-Ton und Embodied Life. Er unterrichtet an der Bruckner Universität Linz, ist Assistenz-Trainer in Feldenkrais-Ausbildungen, Lehrbeauftragter in Atem-Tonus-Ton-Ausbildungen und leitet in Wien das Somart Raum für somatisches Lernen. Ab 2014 organisiert er die Feldenkrais Ausbildung Mozarthaus.

http://www.feldenkrais-methode.at/

Der Artikel im Internet:
Regina Schlager

(Christoph Habegger im Interview mit Regina Schlager 10/2013)

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(Christoph Habegger – Feldenkrais Forum 4. Quartal 2012)
Wenn ich Max Glauben schenke, ist jeder seiner Auftritte eine Tortur. Angst, Überanstrengung, Atemnot und Stimmverlust sind seine ständigen Begleiter.
Und doch ist der 30-jährige Sänger ausserordentlich erfolgreich. Die Zeitschrift „Opernwelt“ schrieb, dass er mit einer der schönsten Stimmen seines Fachs gesegnet sei. Als Countertenor singt er in der Carnegie Hall New York, am Pariser Theatre Champs Elysees, der Londoner Barbican Hall oder der Bayrischen Staatsoper in München. Er hat über 12 Soloalben aufgenommen und ist in Europa, Amerika und Japan gleichermassen gefragt.
Max kommt zu mir, weil er nach einem vollständigen Stimmverlust zwei Jahre pausieren und sich mit kleinsten Rollen und Konzertauftritten wieder einarbeiten musste. Mittlerweile ist er seiner Schilderung nach soweit, wieder eine halbe, wenn es gut geht eine ganze Stunde singen zu können, bevor „das Instrument“ auszusetzen beginnt. Er möchte seinen Körper „in den Griff bekommen“, seine Atem- und Stimmtechnik dahingehend verbessern, dass diese unsäglichen Verspannungen und Schmerzen im Brust-, Schulter- und Halsbereich nicht mehr auftreten, seine Stimme in der Höhe klar und in der Tiefe voll bleibt.
Max teilt mir schon bei unserem ersten Telefongespräch mit, dass er viel unterwegs sei und sich für die Zeit, die er in Wien verbringe, eine intensive Betreuung wünsche. Wenn möglich täglich. Wir vereinbaren also drei aufeinander folgende Termine.
Als ehemaliger Schauspieler und Musicaldarsteller, als Feldenkrais Practitioner und Atem-Tonus-Ton Stimmpädagoge setze ich mich seit vielen Jahren mit Atem und Stimme auseinander, lernend und lehrend. Als Sänger oder Gesangspädagogen habe ich mich jedoch nie betrachtet.
Mein Zugang zu Stimme, Sprache und Gesang ist körperlich. Es geht mir um authentische, natürliche, spontane Klänge. Meine Möglichkeit sehe ich darin, andere darin zu unterstützen, ihre persönliche Stimme freizulegen. Den eigenen Körper als Instrument kennen und achten zu lernen und dem eigenen Wesen mit seinen unbewussten Anteilen Stimme zu geben.
Dies ist nicht an Sprache oder Gesang gebunden. Es bietet dem Einsteiger eine gesunde Basis für die weitere Entwicklung und dem Profi die Möglichkeit, seinen Körper und die damit verbundenen seelischen und geistigen Prozesse bewusster wahrzunehmen.
Wird sich ein international erfolgreicher Sänger mit bedrohlichen Stimmproblemen und Zeitdruck auf einen solchen Prozess einlassen? Werde ich ihm etwas Wesentliches zu bieten haben? Ich bin sehr gespannt auf diese Begegnung.
Max ist ein kleiner, muskulöser Mann. Er spricht schnell und viel, seine Stimme findet dabei wenig Resonanz, der Atem wird im vorbei gehen geschnappt.
Er erzählt mir von seinen Schwierigkeiten, dem Reflux, den dadurch verursachten Stimmbandverätzungen, dem Stimmverlust, der Panik beim Singen, dem existenziellen Druck, den Cortisonbehandlungen.
Ich bitte ihn, sich auf den Rücken zu legen und leite ihn durch einige einfache Wahrnehmungsexperimente: wir erforschen den Atemrhythmus, die Pausen zwischen den Atemphasen, die Dynamik. Er spürt die Atemwege, die Atemräume in Brustkorb, Flanken, Bauch, Becken. Der Atem wird als Welle zwischen Brust- und Bauchraum hin und her geschoben, mal im Einatem, mal im Ausatem oder vom Atemfluss entkoppelt. Max ist dabei sehr gesammelt. Ich kann beobachten, wie seine Aufmerksamkeit wandert und sich dadurch die Atembewegung verändert. Es gelingt ihm auf Anhieb, die unterschiedlichen Räume zu weiten und sinken zu lassen – die Atemwelle fließt. Auch wenn er das Weiten des Brustkorbs bevorzugt und die Bewegungen etwas schnell und angestrengt vonstatten gehen: Max kennt seinen Körper besser, als ich es vermutet hätte.
Auch im Sitzen erkunden wir die Atembewegungen in Bauch, Becken und Rücken. Ich lege meine Hände auf unterschiedliche Stellen seines Rückens und bitte ihn, seinen Atem in meine Hände fliessen zu lassen. Manche Stellen sind ihm sehr vertraut. Sich unter meinen Händen auszubreiten, fällt ihm leicht. So zum Beispiel im mittleren Rücken. Seine Sitzhaltung kennt zwei Möglichkeiten: entweder in der oberen Lendenwirbelsäule durchgestreckt und das Brustbein nach vorne geschoben, oder aber im mittleren Rücken kollabiert und den Brustkorb eingesunken. Sein Becken bleibt so oder so immer ein wenig nach hinten gekippt. An anderen Stellen tut er sich schwer, Atembewegung zu spüren, unter meinen Händen weit zu werden: so zum Beispiel in der Lendenwirbelsäule oder im Kreuzbein.
Ich leiste ihm mit meinen Händen einen leichten Widerstand und bitte ihn, im Einatem sanft gegen meine Hände zu pressen. Er lässt sich auf seinem Becken etwas nach hinten rollen und rundet seinen Rücken. Im Ausatem kehrt er auf seine Sitzknochen und die aufrechte Haltung zurück. So spielen wir weiter mit der Rückseite seines Oberkörpers. Langsam werden Schulterbereich, Rücken und Becken modellierfähiger. Meine Absicht ist es, über diese Arbeit seinen Rücken zu wecken und dadurch Brustkorb und Kehlkopf zu entlasten. Während er zu Beginn bei jeder Einatmung Brustbein und Schultern hochgezogen hat, tritt jetzt eine sichtbare Erleichterung ein.
Nun möchte ich eine erste Verbindung zur Stimmgebung schaffen und den aktiven Part – den Widerstand gegen meine Hände – mit der Ausatmung verknüpfen. Ich besuche also weiter unterschiedliche Stellen seines Rückens, während Max im Ausatem sanft gegen meine Hände presst, sich unter meinen Händen ausbreitet, mich etwas von sich schiebt. Dabei kommt er wieder in eine Flexion und kehrt im Einatem in die aufrechte Position zurück. Allmählich ist auch das Becken bereit, sich weiter nach vorne zu kippen und so dem Oberkörper eine bessere Basis zu schaffen. Plötzlich verliert der Einatem seine Gewichtigkeit. Er geschieht nebenbei, fällt im Aufrichten in den Körper ein, statt forciert eingezogen zu werden.
Zum Abschluss unserer Lektion bitte ich Max, den Ausatem auf einem „mmm“ hörbar zu machen. Die Stimme wirkt etwas dünn und brüchig – noch fällt es ihr schwer, die Beziehung zum Rücken und meinen Händen aufzubauen. Aber für mich ist es damit gut. Ich bin mit dem Verlauf der Stunde zufrieden: Max kann Impulse sehr schnell aufgreifen. Er akzeptiert meinen Arbeitsstil und lässt sich auf meine Experimente ein. Über die gemeinsame Arbeit, das Bewegen, Berühren, Atmen, Tönen, hat sich ein Kanal geöffnet. Erfreut stelle ich fest: ja, ich kann diesem Menschen etwas mitgeben.
Bei unserem zweiten Treffen am darauf folgenden Tag berichtet mir Max von den positiven Nachwirkungen. Am Abend hatte er beim Üben festgestellt, dass ihm die Tiefenatmung leichter fiel und er nicht heiser wurde. Normalerweise ist Singen ein anstrengender, mühevoller Akt für ihn: Brustkorb und Schultern sind so stark in die Stimmgebung involviert, dass sich nach einer halben Stunde Verspannungen und Schmerzen einstellen. Dabei fällt es ihm immer schwerer, Zwerchfell, Bauch- und Beckenraum in die Atmung mit einzubeziehen. Dadurch wird auch seine Bruststimme, die er für die tiefen Töne und dunklen Vokale benötigt, nicht mehr ansprechbar. Die Spannung wandert Takt für Takt nach oben, der Druck bei der Bildung hoher Töne nimmt zu, was den Klang seiner Obertöne beraubt – er verliert an Glanz und Schärfe. All dies beobachtet Max und ärgert sich über seinen Körper. Die Angst vor dem Versagen der Stimme und die Ohnmacht gegenüber den physischen Prozessen nehmen ihm jede Freude am Singen.
Es wird im weiteren Prozess also nicht nur darum gehen, dass Max seine Gewohnheiten (in Haltung, Atmung und Stimmgebung) beim Singen verändert. Die wesentliche Veränderung muss in seiner Einstellung stattfinden. Die subtilen Botschaften des Körpers erkennen und achten. Empfindungen, Gefühle, Gedanken wahrnehmen, ohne sich damit zu identifizieren, sie kontrollieren oder verdrängen zu wollen. Den selbstregulierenden Kräften Raum und Zeit geben. Geduldig sein. Vertrauen. Keine leichte Aufgabe, wenn die nächsten Konzerte und Opernproduktionen warten, zwischen Feldenkraisunterricht, Auftritten, Arztbesuchen und CD-Aufnahmen.
Manchmal erscheint Max abgekämpft und unkonzentriert. Ich bitte ihn dann auf die Liege, arbeite schweigend an der Verbindung der Beine zum Rumpf, den Bewegungs- und Unterscheidungsmöglichkeiten von Becken und Brustkorb, der Beziehung der Arme zu Schultern und Oberkörper. Ich erforsche die Richtungen des Kopfes, die Bewegungen des Unterkiefers in Bezug zu Schädelbasis und Halswirbelsäule. Ich lenke seine Aufmerksamkeit zu den Rippen, dem Brustbein, dem Zwerchfell. Nach solchen Lektionen ist er still und sehr müde.
Überhaupt muss ich mich immer wieder ermahnen, in kleinen Schritten vorwärts zu gehen. Die Tatsache, dass Max schnell aufnimmt und umsetzt, lässt mich vergessen, dass hinter allem ein eiserner Wille und viel Druck steht. Es fällt ihm schwer, seine Grenzen wahrzunehmen und zu akzeptieren, einen Gang runter zu schalten, auszuatmen, eine Pause einzulegen. In dem ich Bewegungen mitmache, Töne produziere, dabei achtsam, suchend bleibe, verändert sich auch etwas in ihm. Ihm diese andere Qualität des Zusammenspiels von Bewegung-Denken-Fühlen-Spüren vorzuleben, ist vielleicht mein wertvollster Beitrag zu seiner weiteren Entwicklung.
In unseren weiteren Stunden arbeiten wir an seiner Aufrichtung im Stehen und der Frage, woher er sich die Kraft für die Stimme nimmt. Langsam lernt er, bei Tonende die Spannung zu lösen und sich wieder ganz auf den Boden einzulassen. Dadurch können tieferliegende Muskeln die Stützfunktion übernehmen und entlasten den Atem- und Stimmapparat. Wir erkunden die Klangräume in Rücken, Brustkorb und Kopf. Wir gehen der Frage nach, wie er in hohen Tönen (die sein Fach bestimmen) den Kopfresonanzraum öffnen kann, ohne die Erdung und den Bezug zum Rumpf zu verlieren.
Vor einigen Wochen gab Max ein Solokonzert in Wien – er bat mich, zu kommen und ihm Feedback zu geben. Angst und Spannung waren für mich, als nunmehr vertrauten Begleiter, hör- und sichtbar. Sie hinterließen allerdings nicht den bleibenden Eindruck. Seine dramatische Stimme, die Kraft des Ausdrucks, die geballte Ladung an Präsenz rissen mich mit und begeisterten. Hier zeigte sich seine wahre Stärke: die kompromisslose Leidenschaft, mit der er seine Arbeit ausführt.
Christoph Habegger, Feldenkrais Forum, 4. Quartal 2012
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(Der Standard 16.08.2011)

In der Feldenkrais-Gruppe wird nicht trainiert, sondern gelernt – In Einzelstunden gibt der Lehrer dem Nervensystem seiner Schüler neue Impulse

Auf den Matten im Bregenzer Studio Drehpunkt liegt eine Gruppe unterschiedlicher Menschen: Frauen und Männer, Junge und Ältere, Sportfreaks oder -muffel und solche, die nach Unfall oder Krankheit ihren Körper wieder zum Funktionieren bringen wollen. Feldenkrais-Lehrer Georg Feuerstein erklärt, worum es in der Stunde „Bewusstheit durch Bewegung“ geht: „Mit Feldenkrais lernen wir, uns differenzierter zu gebrauchen und zu bewegen.“

800 Muskeln, 200 Knochen, ein paar Millionen Nervenzellen hätten wir dazu als Werkzeug zur Verfügung. Jeder lerne als Kind in seiner eigenen Art und Weise, dieses Werkzeug zu gebrauchen, entwickle seine ganz individuellen Bewegungsmuster. Im Laufe des Lebens schleichen sich aber durch Verletzungen, körperliche oder emotionale Schocks „parasitäre“ Muster ein, die unter der Wahrnehmungsschwelle liegen, erzählt der Lehrer. Mit der Zeit würden sie uns einschränken oder sogar schmerzen. Mit der Feldenkrais-Methode wollen wir nun diesen Kompensationsmustern auf die Schliche kommen und sie durch langsame, kleine Bewegungen ausbessern. „Umlernen“ heißt die Strategie.

In der Gruppenarbeit geht es nicht um „höher, schneller, mehr“, sondern um „angenehmer, leichter“. Der Lehrer schafft eine beinahe meditative Atmosphäre, es gibt kein Richtig oder Falsch. Jeder macht, was seinen Möglichkeiten entspricht. Wer wegen einer Knieverletzung nicht knien kann, der liegt oder sitzt. Für den Impuls ans Nervensystem reiche es sogar, „wenn man die Bewegung nur denkt“, erstaunt der Lehrer seine Schüler. Wenn man sich auf dem Rücken liegend „komplett durchscannt, Körperteil für Körperteil“ werden Funktionen bewusst. „Unser Nervensystem lechzt nach Diversität, bekommt es das Angebot, wählt es die beste Funktion aus.“

Nicht Vorzeigen und Nachmachen sind wichtig, sondern das Lernen. Im Unterschied zu Übungen, die wiederholt und damit zur Gewohnheit werden, sei eine Feldenkrais-Lektion ein Lernprozess. Funktionen, die mit dem täglichen Leben zu tun haben, werden erweitert und verbessert: Das Gangbild, wie man sitzt, steht …

Je nach Lektion ist die Methode so entspannend, dass man in sanften Schlaf fällt. Feuerstein: „Es macht nichts, wenn man einschläft. In vielen Lektionen beschäftigt man sich mit kleinsten Bewegungen in sich selbst. Man reduziert sich völlig, das System wird zurückgefahren. Das ist die beste Voraussetzung, um Neues zu lernen.“

Das Aha-Erlebnis
Im Gegensatz zur Gruppenarbeit findet die „Funktionale Integration“ in Einzelstunden statt. Die Kommunikation ist beinahe nonverbal. Nicht Lehrer und Schülerin kommunizieren, sondern beide Nervensysteme. Was kompliziert klingt, ist ganz einfach: Man sucht sich auf der Liege die bequemste Liegeposition, der Feldenkrais-Lehrer beginnt mit seinen Händen die Bewegungsmuster der Schülerin zu erkunden und löst Aha-Erlebnisse aus: Berührt er Finger und Handgelenke, bewegen sich plötzlich die Schultern mit. Ab und zu erinnert ein „Das mach ich schon, Sie müssen gar nichts tun“ an die passive Rolle, die man eigentlich hätte. Beim sanften Bewegen von Kopf und Nacken spürt der Lehrer Widerstand, zeigt aber Verständnis: „Es ist schwer, seinen Kopf einem anderen zu überlassen.“

Feuerstein hat die Feldenkrais-Methode bei Mia Segal, Paul Rubin und Ruthy Alon erlernt. Alle drei wurden noch von Moshé Feldenkrais selbst ausgebildet. Feldenkrais wurden wegen seiner Hands-on-Methode heilerische Fähigkeiten angedichtet. Mit Magie haben die Berührungen aber nichts zu tun. Feldenkrais-Lehrer schulen ihr Nervensystem so, dass sie mit den Händen kleinste Unterschiede und damit Muskelaktivitäten wahrnehmen, die dem Berührten selbst nicht bewusst sind.

Mit gezielten, sanften Bewegungen gibt der Lehrer dann Impulse von Nervensystem zu Nervensystem. Bewegungsmuster, die unangenehm oder schmerzhaft sind, können so durch neue ersetzt werden. Einmal Erlerntes müsse nicht das ganze Leben lang passen, philosophiert Georg Feuerstein: „Wenn wir nur die Gewohnheit zur Verfügung haben, sind wir in einer Zwangslage, haben wir nur eine Alternative, im Zwiespalt. Freiheit des Handelns und Denkens beginnt dort, wo wir drei und mehr Optionen haben.“ Mit 800 Muskeln, 200 Knochen und Millionen Nervenzellen hätten wir die Optionen. Wir müssten sie nur nutzen. (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 16.08.2011)

Funktionale Integration
Moshé Feldenkrais emigrierte als 14-Jähriger von der Ukraine nach Palästina. Bevor er in Paris Physik studierte, war er Straßenarbeiter, Judo- und Jiu-Jitsu-Lehrer. Moshé Feldenkrais hatte heilende Hände, sagt die Legende. Und: Moshé Feldenkrais stellte David Ben Gurion auf den Kopf.

Beide Aussagen haben einen wahren Kern. Der Physiker und Begründer der Feldenkrais-Methode setzte seine Hände ein, um einschränkende, schmerzhafte Bewegungsmuster und Gewohnheiten aufzuspüren.

Durch diese „Funktionale Integration“, wie er die sanften Berührungen nannte, wird ein Lernprozess ausgelöst. Bei Israels erstem Premierminister David Ben Gurion war dieser Lernprozess erstaunlich. Der 70-jährige Staatschef, ein Bewegungsmuffel, konsultierte Feldenkrais wegen chronischer Rückenschmerzen. Nach wenigen Einzellektionen wurde Ben Gurion beweglicher. „Doktor Hokuspokus“ nannte Ben Gurions Ehefrau Pola den Lehrer. Nach einem Jahr mit Feldenkrais ließ sich Ben Gurion beim Kopfstand fotografieren.

„Bewegung ist Leben. Ohne Bewegung ist Leben undenkbar“, lautet eines der bekanntesten Feldenkrais-Zitate. Seine Methode sei keine Therapie, sondern eine „Lernmethode“, betonte Feldenkrais. Er sei aber kein Lehrer, schaffe vielmehr die besten Bedingungen zum Lernen. Gelernt wird „Funktionale Integration“ in Einzellektionen, die Gruppenarbeit heißt „Bewusstheit durch Bewegung“. Basis der Feldenkrais-Methode ist das organische Lernen. Ein Leben lang sollte man sich die Fähigkeit des Kindes, aus der Bewegung zu lernen, erhalten. Mühelos, ohne Wettbewerbsdenken und ohne Wertung werden die Bewegungen durchgeführt. Fehler sind ausdrücklich erwünscht, „ohne Fehler kein Lernen“, postulierte Feldenkrais.

Zur Beschäftigung mit dem menschlichen Körper kam der junge Nukleartechniker und Kampfsportler Feldenkrais, als ihm nach einer Knieverletzung eine Operation drohte. Anatomie, Mechanik des menschlichen Organismus, Neurophysiologie und Psychologie begannen ihn zu interessieren. 1949 beschrieb er seine Methode in seinem ersten Buch Der Weg zum reifen Selbst.

Feldenkrais-Lehrende findet man über die Website des Feldenkrais-Verbandes. (jub)

Der Artikel im Internet
Feldenkrais: Schule für Neven und Muskeln
(Der Standard 16.08.2011)

(Christoph Habegger im Interview – Gesundheit und Wellness Wien und Niederösterreich Juni 2011)

„Körper, Atem und Stimme sind Tore ins Hier und Jetzt“, sagt Christoph Habegger, Gründer von SomArt – Raum für somatisches Lernen. Der ehemalige Schauspieler und Musicaldarsteller, Feldenkrais®-, Atem- und Stimmpädagoge hat einen Raum und
ein Netzwerk für die Kunst des körperlichen Lernens geschaffen. Es vereint die verschiedensten pädagogischen Ansätze, ohne
jedoch therapeutisch zu arbeiten. „Das Gemeinsame im Angebot unseres Teams ist das Erfahren der Ganzheit von Bewegung,
Körper, Denken, Fühlen und Spüren als Mittel zur Selbsterkenntnis und -entfaltung.“

Als Praktiker der Feldenkrais-Methode kam Christoph Habegger zu Embodied Life, das Feldenkrais, Zen, Focusing, gewaltfreie Kommunikation und gestalttherapeutische Elemente verbindet: „Über Bewegung, Achtsamkeit und Selbsterforschung wächst das
Bewusstsein für innere und äußere Lebensprozesse. Die Meditation bringt über die körperlichen Sinne in die Wahrnehmung des unmittelbaren Augenblicks. Hier tun sich unsere Gedanken, Gefühle und Empfindungen auf. Und durch achtsame Selbsterforschung lernen wir uns über den Körper besser in unseren Bedürfnissen kennen, diese zu verbalisieren und in unser Leben zu integrieren.“

Persönliche Themen und Fragen bilden dabei den Ausgangspunkt. Körperempfindungen wie Enge, Druck, Pulsieren oder Wärme führen weiter zum ursprünglichen Lebensgefühl. „Dabei entwickelt sich ein innerer Dialog mit jenem intuitiven, unbewussten Anteil
unseres Wesens, der über den Verstand alleine nicht zugänglich ist“, erzählt Christoph Habegger. „Wir anerkennen und würdigen alles, was in uns lebt. Selbst ein Nein zu etwas kann ein Ja zum Leben sein. Ausdruck ist ein wesentlicher Schritt des Erkenntnisprozesses.“

Emotionen wie Wut haben dabei ebenso ihren Platz und werden als innere Anteile anerkannt, statt zu versuchen, sie zu kontrollieren, zu ignorieren oder zu verdrängen. „Etwas in mir ist wütend, aber ich bin nicht die Wut. So entsteht Raum zwischen mir und jenen Gedanken, Meinungen oder Reaktionsmustern, die mich vielleicht einschränken oder Vitalkraft kosten. Dies löst eine innere Freiheit aus, wodurch sich selbstordnende Kräfte und Lebensfreude entfalten können.“

Wahrnehmung und Ausdruck sind auch wichtige Elemente bei der körperlichen Stimmbildung unter dem Titel Atem – Tonus – Ton, die Maria Höller-Zangenfeind auf der Grundlage der Middendorf-Atemtherapie entwickelt hat. „Wir nähern uns dabei der Stimme als Anteil von uns selbst über den Körper, Atem, Bewegung und Empfindung. Dabei wächst die Lust, sich zu zeigen, zu äußern, akustisch Raum einzunehmen, im Leben zu stehen und seinen Standpunkt hörbar zu machen“, sagt Christoph Habegger. Körperräume werden als Atem- und Klangräume erfahrbar, bringen den Ein-Klang mit sich selbst, was zu einer empathischen Kommunikation führt.

Ergänzend bietet SomArt weitere Zugänge wie etwa Atemschulung, Eutonie Gerda Alexander®, die Franklin-Methode®, Yoga, Qigong und tönendes Shiatsu an. Letzteres setzt die Stimme zusätzlich zur Berührung ein, um Körperbereiche zu öffnen und die Energie wieder harmonisch ins Fließen zu bringen. Zahlreiche Künstler und Künstlerinnen kommen ebenso in die Einzelarbeit, in wöchentliche Kurse und Workshops, wie auch Menschen aus anderen Berufen, die ihrem Selbstausdruck Wert beimessen, ihre Performance verbessern oder eventuell bestehenden Atem- und Stimmproblemen sowie körperlichen Beschwerden beikommen möchten.

„Das Gelernte lässt sich leicht in den Alltag aufnehmen. Es wächst Interesse und Bewusstheit an der Art, wie ich etwas tue und damit die Verantwortung für mich und meine Entwicklung“, sagt Christoph Habegger. „Es eröffnet Raum zwischen mir und meinen
Lebensthemen. Ich komme in mein eigenes Tempo, den persönlichen Rhythmus, erfülle eine Aufgabe nach der anderen, immer in
Verbindung mit meinen Kräften und Möglichkeiten. Ganz im Augenblick zu sein, ist der wirksamste Weg zu einem erfüllten,
zufriedenen und erfolgreichen Leben.“

Gesundheit und Wellness Wien und Niederösterreich (Autorin: Sabine Knoll, Fotografin: Xenia Blum, Neuen Umschau Buchverlag, Juni 2011, ISBN 978-3-86528-499-0)

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(Maria Höller-Zangenfeind, März 2011)

Sobald Sie sprechen oder singen hört die Umwelt nicht nur Ihre Worte und deren Inhalte  sondern auch Ihre Stimmung und einen Teil Ihres Wesens. Dies erst Recht, wenn Sie  herzhaft lachen oder herzzerreißend weinen. Die daraus hörbaren Klänge befreien sich aus dem Inneren. Das Zwerchfell, der größte Atemmuskel in der Körpermitte, gibt in solchen Momenten die Kontrolle auf und lässt große schüttelartige Bewegungen zu.  So erfassen die Gesprächspartner unvermittelt die innere Lage der sich äußernden Person.

Wir alle wissen, wie befreiend Lachen und Weinen sein kann. Tatsächlich ist es so,  dass diese unkontrollierte, automatisierte Atembewegung in einer etwas reduzierten Weise aber, doch  rhythmisch-dynamisch in jedem Moment im Menschen abläuft. Leider können übermäßige Spannungen diese lebendige Atembewegung erheblich stören. Der Energiefokus richtet sich dann in die Haltekraft. Ein beengtes Körpergefühl ist die Folge. Die innere Bewegung verliert an Dynamik und Impulsivität. Es zeigt sich ein eher zarter, zögerlicher oder kurzer Atemrhythmus. Der sprechende Mensch identifiziert sich überwiegend mit der Anspannung, anstatt mit seinem Innenraum, der Weite des Atemgeschehens. Ein verengter, angespannter Mensch wird eher Mühe haben, mit seinem  stimmhaften Ausatem und seiner Sprache, einen großen Resonanzraum zu nutzen. Stimmliche Klangfülle im akustischen Außenraum traut er sich selbst nicht zu. Er bewundert diese eher bei stimmauffälligen Mitmenschen. Die Wertschätzung für sich selbst bleibt eine ewige Sehnsucht.

Wie viele Personen leben mit der festen Überzeugung – woher diese auch immer kommen mag – keine gute Stimme zu haben? Die Phonation (Stimmgebung) ist zunächst eine physiologische Funktion. Ein gesunder Säugling bringt gleich nach der Geburt seine Atem- und Stimmfunktion  in Einsatz. Im ersten Schrei wird die Atem- und Lungenfunktion in ihrer Autonomie voll übernommen,  der kleine Brustkorb füllt und entlädt sich.  Bereits nach wenigen Tagen und Wochen beginnt der Säugling zu lallen und ist in der Lage, innere Stimmungen wie Wohlgefühl, Schmerzen, Hunger, unterschiedliche Befindlichkeiten auszudrücken.  Während sich die Laute zu Wörtern und schließlich zur Sprache entwickeln, wächst auch das Denken und der Verstand. Die sprachliche Kommunikation vereinfacht es dem Kind einerseits,  sich  verständlich zu machen.

Andererseits erfährt es häufig, dass das unmittelbare, direkte Ausdrücken von Bedürfnissen von Nachteil sein kann. Die übermäßig laute Reaktion oder Antwort des Erwachsenen, eine Sprachverweigerung, oder die Bestrafung durch Abwesenheit, Trennung wirken bereits ausdruckshemmend auf das Kind. Ein Zurückhalten des Atems, der Sprache oder der Stimmkraft ist die Folge. Spontane Äußerungen, das Gefühl der inneren Weite,  die Daseinsfreude und das Selbstwertempfinden reduzieren sich mehr und mehr.

Die Sehnsucht, mal laut zu schreien, schallend zu lachen oder nach Herzenslust zu singen bleibt dann oft zurück und kommt nur noch aus der Erinnerung, des bereits mal Erlebten.  Wird dem Ersehnten aber nachgegangen, so dürfen Atem- und StimmlehrerInnen häufig beeindruckende, befreiende Prozesse begleiten und bezeugen.  Es kann sich aber auch die Anstrengung des Haltens in Müdigkeit, Erschöpfung und Unzufriedenheit zeigen,  was dann häufig den inzwischen leidenden Menschen in die Praxis der Atem- und Stimmlehre führt.

Hat sich der Erwachsene erst an seine Ausdruckshemmungen gewöhnt, so glaubt er irgendwann selbst, dass beispielsweise die leise, dünne, zu höhe oder zu tiefe Stimme, seinem Wesen, seiner Natur entsprechen.  Die  Hirnforschung erklärt das heute so,  dass das nicht Können einer bestimmten Fähigkeit, der eigentliche Lerneffekt  für das Gehirn bleibt. Es sei denn, man erwirbt sich durch Üben und Erfahren von Neuem diese „verlernten“ Fähigkeiten quasi zurück. Dies kann nach heutigen Forschungsergebnissen in jedem Alter geschehen. Die physiologischen Bedingungen, bzw. Funktionen sind ja latent vorhanden, aber eben nicht optimal genutzt, vielleicht sogar etwas verkümmert.

Die Wiedereroberung des Innenraums schafft Selbstvertrauen und fördert das Selbstwertempfinden. Eine durchlässige, frei schwingende Atembewegung schafft ideale Bedingungen für einen klingenden Resonanzraum, der akustisch als Stimme hörbar ist.  Selbstverständlich braucht es etwas Zeit und Geduld, sich mit freien Tönen und der daraus veränderten akustischen Konsequenz neu zu identifizieren. Schließlich wird man plötzlich gehört. Diese Veränderung registriert auch das Umfeld.
Mehr Kraft in der Stimme, erhöhte Präsenz und mehr Lust zu kommunizieren,  wirken sich auf die Selbstpräsentation aus. Erst Recht dann, wenn die Kraft der Beine, der Mut, dem Boden zu widerstehen, anstelle in den Boden zu versinken, eingesetzt wird.
Der ganze Körper wird bei interessiertem Üben,  Erfahren und Erforschen, die Stimme in ihrer freien Ausdruckskraft unterstützen. Bei Kleinkindern und begnadeten Sängern ist dieser physische Einsatz gut zu beobachten.

Im Gespräch sind die physischen Kräfte weniger gefordert als beim Singen. Doch so wie sich manche Sängerin in die Herzen ihres Publikums singt, so wollen auch wir sprechend den/die Gesprächspartnerin erreichen.

Stellen Sie sich vor, Sie bewohnen mit Ihrer lebendigen Atembewegung Ihren Körper, fühlen sich darin wohl und ausgeglichen. Beim Sprechen bemühen Sie weder Ihre Kehle, noch ihren Nacken.  Die Artikulationsmuskulatur Ihres Gesichtes und des Mundraumes stellt sich von alleine auf Kontakt ein. Mit Ihrem erworbenen Innenraumempfinden, tauchen Sie in sich selbst ein. Während Sie sprechen, gibt es eine Stimmlippenschwingung, die ohnehin völlig unbewusst funktioniert.  Diese Schwingung breitet sich dann dank Ihres gewonnenen Selbstvertrauens und Wertempfindens in ihrem Körper aus. Physiologisch heißt dies, dass diese Schwingung gleichzeitig in den Knochen des Kopfes, in die Wirbelsäule und in den Brustkorb weiter geleitet wird. Man spricht hier von Resonanzvibration während der Tongebung. Diese Vibrationen werden physikalisch-akustisch nach außen weiter getragen und erreichen im Idealfall den Körper Ihres Gesprächspartners oder die ihrer Zuhörer.

Insbesondere wenn Ihr Herzraum mit den großen schützenden Rippenbogen beginnt sich zu öffnen (Empfindungs- und Gefühlsebene) bzw. zu vibrieren (Physiologisch/physikalische Ebene), dann wird Ihr Gegenüber sich von den warmen, weichen schillernden Tönen gerne berühren lassen.

Eros, die Eigenliebe schwingt in der Stimme.  Mit der Resonanzvibration nimmt man immer wieder eine wohltuende Beziehung zu sich selbst und dem eigenen Körper auf.  Resonanz nimmt gleichzeitig völlig absichtslos die Richtung nach außen. Zuhörende können sich dadurch öffnen oder gar berühren lassen. Ansprechende Momente, intensive Begegnungen geschehen,  einfach so.

(Artikel für das Sonderheft Atemimpulse des Schweizer Berufsverbands für Atemtherapie und Atempädagogik Middendorf sbam, März 2011) ©copyright by Maria Höller-Zangenfeind

(Die Presse 05.11.2010)

Von Verena Krausneker

1997 durch eine Krankheit erblindet, rang der Kanadier David Webber zehn Jahre lang um seine Sehkraft. Heute hält er Workshops für Menschen, die besser sehen wollen. Eine Begegnung.

David, warum ist dein Auge so rot?“ Als Arbeitskollegen dem 43 Jahre alten Computeranalysten David Webber wiederholt diese Frage stellen, hat er keine Ahnung, warum sein Auge entzündet ist. Er ignoriert es, bis es nicht mehr zu ignorieren ist. Als sein Augenarzt ihn sofort an einen Spezialisten verweist, ahnt er Übles. David hat eine massive Erkrankung des Immunsystems, die sich auf seine Augen schlägt, die Diagnose lautet Uveitis. Er erlebt, wie sein visuelles Wahrnehmungsfeld täglich kleiner wird. „Eines Tages konnte ich meine Uhr nicht mehr lesen“, sagt er. Oder: „Plötzlich konnte ich den Tropfer für meine Medizin nicht mehr zurück in die Flasche stecken. Ich traf nicht mehr hinein, egal wie nah ich sie hielt. Innerhalb einer Sekunde wusste ich, dass jetzt mein dreidimensionales Sehen auch weg war.“

Plötzlich sind Beklemmung und Kummer in diesem lebendigen, fröhlichen Mann zu spüren. „Sehen ist Licht“, meint David, „aber Nichtsehen ist nicht dunkel.“ Es wird innerhalb weniger Monate zunehmend schwieriger für ihn, seine Arbeit zu erledigen. Er beschreibt, wie er in Besprechungen mit extradicken schwarzen Markern seine Notizen machte, ein Wort pro Seite, „völlig lächerlich“. Sein Vorgesetzter ist verständnisvoll und trägt die Situation, soweit er kann. Aber dann kommt der Punkt, an dem beiden klar wird, dass es nicht mehr geht. David hört zu arbeiten auf: „1997 war für uns Computerleute eine extrem aufregende Zeit, der Beginn des Internets, und es war wirklich sehr, sehr traurig für mich, aufhören zu müssen.“

David ist schwer krank, kann nicht mehr Auto fahren, zieht zurück in das Haus seiner Eltern, es beginnt eine jahrelange Phase der Behandlungen, Operationen, ständiger Augenmessungen, des Hoffens und Zitterns um jede Handbreit Sehkraft: „Eine sehr schwierige Zeit der Veränderung. Eine Funktion zu verlieren ist, wie einen Teil deines Selbst zu verlieren. Wenn dir dann Ärzte sagen, das war’s, es ist nicht wieder herstellbar, dann kommt die große Traurigkeit. Nie mehr Lesen . . . Unzählige Aktivitäten waren verloren.“

In der Zeit der großen inneren Unsicherheit verschiebt sich auch Davids äußere Welt: Es wird deutlich, wer Freund ist und wem er zu kompliziert wird. Kollegen, Bekannte wenden sich ab, verlieren den Kontakt und kämpfen auch mit ihren eigenen Ängsten. „Sie sahen, dass derart plötzlich und schnell unverschuldet ein gravierendes Augenproblem auftreten und zu Blindheit führen kann, und das setzte vielen sehr zu. Viele hatten auch Schwierigkeiten, ihr Mitgefühl auszudrücken. Es war wirklich nicht leicht. Für niemanden.“

Schließlich wird David offiziell für blind erklärt. Aber was heißt blind? Dass kein Licht mehr durch die Augen ins Sehzentrum dringen kann? Ist Blindheit also die Absenz von Bildern? „Wenn wir träumen, sehen wir Bilder. Und woher kommen diese Bilder, ganz ohne Licht, mit geschlossenen Augen? Es gibt ja innere Bilder, die Imaginationen unseres Bewusstseins. Sehen scheint also nicht notwendigerweise mit einem funktionierenden Sehsinn zusammenzuhängen.“

Für David beginnt eine persönliche Entwicklung, eine Art Reise. Parallel zu den schulmedizinischen Bemühungen beginnt er, sich für andere Zugänge zum Thema Sehen zu interessieren. Er meditiert. Und er findet durch Zufall die Feldenkrais-Methode, deren Lehrer mit verbalen, langsamen Anleitungen ihre meist am Boden liegenden Schülerinnen und Schüler durch Bewegungssequenzen leiten. „Wenn ich ohnehin den ganzen Tag deprimiert herumliege, dann kann ich das wohl genauso in einer Feldenkrais-Stunde machen“, meint David über seinen ersten, zögerlichen Kontakt. Zunächst ist er Schüler, dann beginnt er ein vierjähriges Training, um selbst Lehrer zu werden: „Es gab natürlich eine gigantische Veränderung in meiner kinästhetischen Wahrnehmungsfähigkeit, meinem Gefühl für Berührungen. Vielleicht wäre ich als blinder Mann auch ein guter Parfumeur geworden. Aber auf jeden Fall kam es zu einer völlig neuen Balance zwischen meinem inneren und äußeren Erleben.“

Seine Darstellung heute zeichnet ein differenziertes Bild: Er lernte, „anders zu sehen“. Das Licht wurde weniger, „aber ich erlernte neue Wahrnehmungsformen, und die sind ja auch eine Art des Sehens. Es war nur anders. Meine Beziehung zu Licht änderte sich sehr, es war schmerzhaft, und ich konnte jahrelang nicht an großen Wasserflächen stehen, weil es viel zu hell war. Ich war vom Licht geblendet.“

David beginnt, sich zurechtzufinden. Unter großem emotionalem Druck, nämlich der Angst, dass die Sehkraft, also seine Nerven, völlig der Krankheit zum Opfer fallen könnten, sucht er Wege. Er probiert es in alle Richtungen, bricht jedoch niemals seine schulmedizinischen Behandlungen ab. „Münzen erkennen war sehr schwer. Da half mir der Blindenverband mit Trainings. Aber ansonsten fühlte ich mich dort nicht wohl, ich wollte kein Opfer sein, ich wollte mich nicht an das Problem gewöhnen und lernen, damit zu leben. Ich wollte das Problem verändern, so dass ich damit leben konnte, wie ich wollte. Ich spürte mit absoluter Sicherheit, dass es möglich ist, etwas zu verbessern. Ich wusste nicht, wie, aber ich spürte es und gab nicht auf.“ In Zeiten des Stillstands findet er zur fundamentalsten Funktion zurück: zur Atmung. Er verbringt viel Zeit damit, seine eigene Atmung zu beobachten, weiter nichts zu tun. Jahrelanges Interesse an Meditation und Buddhismus bedeuten, dass er „Werkzeuge hatte, um in so einer Situation weiterzukommen“.

Schließlich findet er seinen Weg: „Die Feldenkrais-Methode gab mir die Möglichkeit, auf andere Dinge zu fokussieren, nicht nur das Problem im Blick zu haben und der Spirale der Hoffnungslosigkeit zu entsteigen. Ich begann, mich wieder als ganzes Selbst zu erleben, das gab Kraft, und mein Ansatz war: Angst blockiert meinen Heilungsprozess, aber mit diesem neuen Selbstgefühl kann man arbeiten.“

Der Physiker Moshé Feldenkrais (1904 bis 1984) prägte einen Zugang zu menschlicher Entwicklungsfähigkeit, der heute weltweit gelehrt und von Menschen angewandt wird. Wie bei David Webber war es auch für Feldenkrais eine massive Einschränkung, aufgrund einer Knieverletzung, die ihn dazu führte, sich auf eine Entdeckungsreise zu machen und sich die gewünschten Funktionen zurückzuerobern. Sehr früh hatte er großes Interesse an Neurophysiologie und erkannte, dass die menschliche Lernfähigkeit die Grundlage für verbessertes Wohlbefinden ist. Die von ihm entwickelte Methode, die er zu Lebzeiten in Israel, Europa und vor allem in den USA lehrte, nützt sanfte Bewegungen, um Bewusstheit zu erreichen und in der Folge dazuzulernen. Schüler der Methode können an hoch spezialisierten Bewegungen Interessierte sein (Musiker, Sportler) oder einfach wissen wollen: Wie bewege ich mich besser, schmerzfrei, schneller, ökonomischer? In letzter Konsequenz führt diese Art der Beschäftigung mit sich selbst zu einer verbesserten Fähigkeit der Selbstregulierung.

David Webber spricht jahrelang nicht über seine Entdeckungen, er experimentiert vor sich hin, „fast wie in einer kleinen Höhle“, macht kleine Fortschritte und erlernt das Sehen neu. Erst als er nach Jahren beweisen kann, dass er sich seine Sehfähigkeit zurückerobert hat, wendet er sich nach außen. Sein langjähriger Augenarzt misst, teilt ihm das außerordentliche Ergebnis mit, kann es nicht verstehen – und lässt ihn wieder gehen. Er hat keine Zeit, sich mit Neuroplastizität und einem Patienten, der sein Hirn neu organisiert hat und wieder scharf sehen kann, zu beschäftigen. Aber David hat etwas gefunden: sein Augenlicht – und damit wieder die äußere Welt. Noch in seinem vierten und letzten Ausbildungsjahr zum Feldenkrais-Lehrer leitet er seinen ersten Workshop.

David hat kleine dicke Brillen, die seine nach Operationen fehlenden Linsen ersetzen. Er sieht wieder genug, um selbstständig reisen und leben zu können. Am meisten vermisst er, Gesichter nicht mehr schnell erkennen zu können. Sehen kostet ihn bewusste Aufmerksamkeit, und das macht müde. Lesen zum Beispiel wird in kleinen Portionen genossen. „Das für mich Wichtigste ist, dass meine Augen stabil sind, dass mein Immunsystem stabil ist und bleibt“, sagt er. Tatsächlich verlässt er sich erst seit den vergangenen zwei, drei Jahren auf stabil funktionierende Augen. In diesen Jahren erfüllt er sich Herzenswünsche wie eine Reise nach Italien. Und er beginnt, ein gefragter Workshopleiter zu werden, der, mit profunden Kenntnissen und großer Einsicht ausgestattet, Schüler mit Hilfe der Feldenkrais-Methode anleitet, sich um ihre Augen zu kümmern, ihr eigenes Sehen zu spüren und ihre Sehkraft zu verbessern. Vom kurzsichtigen Volksschüler bis zur Großmutter, die nur mehr auf einem Auge sieht, vertrauen ihm die Menschen.

Die großen Hoffnungen weichen der Erkenntnis, dass Davids Geschichte eine der Disziplin und des Wiedererlernens ist, kein biblisches Wunder. Er lenkt den Blick auf neurophysiologische Tatsachen: „Man kann mit Sicherheit sagen, dass alles Sehen mit Emotionen zu tun hat. Das limbische System, das emotionale Zentrum des Gehirns, ist der Torhüter des visuellen Zentrums, es liegt zwischen Augen und dem Sehzentrum. Alles, was wir durch die Augen wahrnehmen, wird, noch bevor wir bewusst wissen, was wir gesehen haben, dort sortiert: Mag ich es? Mag ich es nicht? Oder ist es egal?“

Sehen zu können bedeutet heute für David, dass er so leben kann, wie er will. Er ist sehr achtsam mit sich, nimmt die Brille ab, wann immer es geht, und lebt bewusst mit seinem verschwommenen, linsenlosen Bild der Welt. Er geht sogar spazieren ohne Brille. Und er lebt mit einer neuen Sicht auf das Sehen: „Es lenkt ab. Sehen ist so grandios, es ist überwältigend großartig. Und das hat zur Folge, dass gut sehende Menschen oft völlig verblendet sind. Die echten Bilder und Wahrheiten werden verdeckt von glitzernden, scharfen Ansichten.“

Und: „Hätte ich das Ganze als persönliches Thema genommen, wäre es ein Desaster gewesen. Aber so wurde es zu einer Reise: einer Entdeckungsreise, wie sie in all den alten Mythen und Heldengeschichten vorkommt. Die gehen ja auch oft blindlings hinein ins Abenteuer.“ David Webber, der schmale Mann mit den dicken Brillen als Held? „Ich habe nicht den Mount Everest bestiegen oder alleine die Welt umsegelt. Aber ich verstand diese Herausforderung als großes Thema, als Metapher, und ließ mich darauf ein.“ Die Blindheit wurde doch nie akzeptiert? „Ich akzeptierte die Diagnose nicht. Aber ich akzeptierte die Tatsache, dass ich vor einer gigantischen Herausforderung stand. Und ich dachte: Auch wenn ich niemals hier rausfinde, dieser Weg ist zu gehen. Ich schätze mich noch heute extrem glücklich, wie dieser Weg verläuft.“

Im Mai nächsten Jahres wird David Webber im „Feldenkrais Institut Wien“ zu Gast sein.

Der Artikel im Internet
Anders Sehen
(Die Presse 05.11.2010)

(Maria Höller-Zangenfeind im Interview – Wiener Zeitung 31.07.2009)

Von Sonja Panthöfer

Die Körpertherapeutin Maria Höller-Zangenfeind spricht über stimmliche Ausdruckskraft, die – bei Politikern oftmals fehlende – Körperwahrnehmung, und warum die österreichische Sprache „swingt“.

Wiener Zeitung: Frau Höller-Zangenfeind, Stimmcoachings werben gerne damit, dass wir aus den Worten eines Gesprächspartners nur einen Bruchteil unserer Informationen – nämlich rund sieben Prozent – beziehen. Stimme, Gestik und Mimik seien viel wichtiger. Ist das Gesagte tatsächlich also eher unwichtig?

Maria Höller-Zangenfeind: Wenn jemand über ein Thema spricht, das mich sehr interessiert, nehme ich natürlich mehr auf als diese sieben Prozent, die ja nur ein Durchschnittswert sind. Bei jeder ersten Begegnung nimmt uns der Stimmklang des Sprechers aber doch sehr gefangen. Da spielen persönliche Charakterzüge und die Tagesform des Gesprächspartners ebenfalls eine Rolle.

Wenn ich nun jemandem begegne, dessen Stimme mir fürchterlich unsympathisch ist – inwieweit kann oder darf ich daraus auf die Persönlichkeit des Sprechers schließen?

Man kann auf jeden Fall davon ausgehen, dass es bei diesem Menschen Verhaltensweisen gibt, die in einem Widerstand oder Ablehnung hervorrufen. Möglicherweise gibt er Frequenzen von sich, die nicht gut ankommen. Natürlich heißt das nicht, dass diese Person in ihrem ganzen Wesen unsympathisch ist.

Also sollte man eine Klein-Mädchen-Stimme nicht mit einer Klein-Mädchen-Persönlichkeit gleichsetzen?
„US-Präsident Obama strahlt mit seiner Stimme, vor allem aber in seiner Gestik und Mimik Glaubwürdigkeit aus.“ (Höller-Zangenfeind). Foto: epa

„US-Präsident Obama strahlt mit seiner Stimme, vor allem aber in seiner Gestik und Mimik Glaubwürdigkeit aus.“ (Höller-Zangenfeind). Foto: epa

Wenn die Stimme konstant kleinmädchenhaft klingt, gibt es in dieser Frau offensichtlich etwas, das nicht erwachsen geworden ist. Diese Frau hat das Gefühl, dass sie mit ihrer Stimme in der Männerwelt besser ankommt.

Was macht eine Stimme anziehend?

Anziehend sind die oft zitierten vibrations. Wenn Sie mit jemandem sprechen, erzeugt Ihr Körper für den Stimmklang Vibrationen. Ausgelöst durch die Stimmlippen, leiten die Knochen und schließlich das Gewebe diese Vibrationen weiter an die Akustik. Da Sie Ihren Körper für den Klang gut nutzen, können mich diese Schwingungen erreichen. Wir berühren einander in Live-Situationen tatsächlich mit unserer Stimme. Das ist kein Hokuspokus, sondern zunächst einmal eine rein physikalische Angelegenheit. Worauf sollten wir denn achten, wenn wir beruflich Erfolg haben wollen? Wie müssen wir klingen?

Erfolg wird heute gerne so definiert: Wie viel Geld verdiene ich? Wie präsent bin ich in den Medien? Kommt meine Stimme gut an? Für mich hat Erfolg mit persönlicher Entwicklung, mit der Sinngebung im Leben zu tun. Es bedeutet auch, dass ich mir meiner Schwächen bewusst bin und dazu stehen kann. Eine erfolgreiche Stimme ist eine authentische Stimme.

Sie haben gerade die Medien erwähnt. Was fällt Ihnen auf, wenn Sie Stimmen im Radio oder Fernsehen hören?

Viele Prominente wissen genau, wie man eine „bella figura“ macht. Sie sind medientauglich, können gut plappern, haben eine sehr gute Artikulation und sind rhetorisch gewandt.

Menschen mit rauen oder weniger wohlklingenden Stimmen werden gut gecoacht. Nur: Das alles ist Makulatur und Maske. Persönlichkeit zählt wenig. Die Folge sind Moderatoren, die nicht nur unecht klingen, sondern es auch sind.

Politiker präsentieren sich sehr oft in den Medien, doch Umfragen belegen, dass die Politikverdrossenheit der Menschen stetig wächst. Inwieweit könnte das mit den Stimmen der Politiker zusammenhängen?

Nun ja, auch die werden hauptsächlich auf ihre Medientauglichkeit hin gecoacht, und das macht sie als Person weniger glaubwürdig.

Fällt Ihnen jemand ein, der als positives Beispiel für Glaubwürdigkeit auf der Politikbühne gelten könnte?

Ich glaube, am Beispiel von US-Präsident Barack Obama und seinem Vorgänger George W. Bush wird der Unterschied recht deutlich. Obama vermittelt Integrität, moralisches Handeln und ist nicht in erster Linie darauf bedacht, was ihm Erfolg einbringt. Er strahlt mit seiner Stimme, vor allem aber in seiner Gestik und Mimik Glaubwürdigkeit aus. Deshalb macht es einen sehr großen Unterschied aus, ob Obama einen Fehler zugibt – oder Bush.

Sollten Politiker also mehr Politik mit ihrem Körper machen?

Es geht immer um ein Gesamtbild, und dazu gehört eben auch der Körper. Die Stimme macht nur einen Teil des Menschen aus. Es könnte für Politiker sicherlich sehr hilfreich sein, würden sie mehr auf ihren Körper und ihre innere Stimme achten.

Sollten das nicht alle Menschen tun?

Ja, natürlich. Es gibt viel zu viele Fettleibige, also nicht dicke Menschen, die gab es immer. Heute sehen wir Leute mit Haltungsproblemen und gestörter Körperwahrnehmung. Es gibt diesbezüglich eine Fülle von Ratgebern, weil wir unser gesundes, natürliches Körperempfinden verloren haben. Was ist gesund? Was sollen wir essen? Wie viel sollen wir uns bewegen? Das sind Fragen, die man heute dem Arzt, Heilpraktiker oder Therapeuten stellt.

Die österreichische Schriftstellerin Sabine Gruber spricht in einem ihrer Romane von „Körper-analphabeten“. Würden Sie dem zustimmen?

Absolut. Es gibt eine körperliche Verwahrlosung, die um sich greift. Dem ist nur beizukommen, wenn die Bedeutung des Körpers wieder allgemein erfasst wird. In ihm sind Geist und Seele materialisiert. Die TV-Werbespots oder die Plakate im Straßenbild zeigen deutlich, dass Körper heutzutage im sexuellen, aber nicht im erotischen Sinne benutzt werden. Das sind Auswüchse. In Asien dagegen hat die Körperkultur eine jahrtausendealte Tradition, die heute noch zum Alltag der Menschen gehört und gepflegt wird.

Was sollte Ihrer Meinung nach geschehen?

Der Körper sollte wieder mehr sein als nur Leistungsträger und wertgeschätzt werden. Äußerlichkeiten werden zu wichtig genommen. Wünschenswert wäre es, wenn bereits in den Schulen auf Körperwahrnehmung und Körperbewusstheit mehr Wert gelegt würde. Heranwachsende könnten solcherart ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln.

Sie erwähnten die asiatische Körperkultur, und sind ja selbst seit vielen Jahren in Japan tätig. Wie kam es dazu?

Dabei haben mein großer Wunsch, singen zu können, und mein Lachen eine gewisse Rolle gespielt. Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn war ich Sportlehrerin und habe später eine Ausbildung zur Atemtherapeutin bei Ilse Middendorf in Berlin gemacht. Ich war dann fünf Jahre lang ihre Mitarbeiterin. Privat habe ich Gesangsunterricht genommen, konnte aber keine hohen Töne singen. An einem meiner Atemkurse nahm die japanische Sängerin Michiko Hirayama teil, die für Neue Musik bekannt ist. Die fand mein Lachen wunderbar und kraftvoll. Sie behauptete, jemand mit so einem Lachen müsse einfach singen können. Und hat mich dann immer zum Lachen gebracht. Wenn ihr das gelungen war, rief sie: „Hörst du diese Töne? Das bist du!“

Und diese unkonventionelle Dame hat Sie nach Japan gebracht?

Genau! Ich habe bei ihr Gesangsunterricht genommen und im Gegenzug für ihre anderen Schüler Körperübungen kreiert. Schließlich sagte sie: „In Japan gibt es einen sehr berühmten Professor, Fumiaki Yoneyama.

Dieser HNO-Arzt behandelt weltberühmte Opernstars. Der interessiert sich bestimmt für deine Arbeit.“ So war es dann auch. Ich habe einen Vortrag in Japan gehalten, der sehr gut ankam. Das liegt jetzt 22 Jahre zurück. Seitdem bin ich ein- bis zweimal im Jahr in Japan.

Womit haben Sie die Japaner überzeugt? Was ist der Kern Ihrer Methode „Atem-Tonus-Ton“?

Das ist ein körperlich-seelischer Weg. Die Ressource des Menschen ist sein Atem. Ich zeige, wie man sich das bewusst machen und daraus schöpfen kann. Ziel ist es, die innere Koordination zwischen der Atembewegung und dem Muskeltonus aufeinander abzustimmen. Das heißt, ich kann die Muskelkraft der willentlichen Skelettmuskulatur einsetzen für Stimmkraft, Tonlänge und Tonhöhe. Für Volumen und Klangfarben übt man an den unbewussten Kräften, den Innenräumen.

Wie sieht die Forschungsarbeit in Japan aus?

Im Grunde wird gemessen und sichtbar gemacht, wie wichtig Körperbewusstheit für eine tragende Stimme ist. Mit dem Ton allein, der in den Stimmbändern entsteht, könnten wir noch nicht gut kommunizieren. Aber mit dem Klang, der daraus entsteht. Jeder von uns hat eine andere Körperform und somit eine andere Klangqualität. Die Stimme wird entlastet, wenn eine gute Synchronisation mit anderen Innenbewegungen des Körpers stattfindet.

Wie lässt sich die Stimme sichtbar machen und messen?

Die thermografischen Aufzeichnungen von Professor Yoneyama faszinieren, weil sie so anschaulich sind. Auf einem großen Monitor ist der Körper in viele Farbfelder eingeteilt, die jeweils die Wärme der entsprechenden Körperzone anzeigen.

Rot steht für hohe Körpertemperatur, blau und schwarz zeigen niedrige Wärmegrade an. Dazwischen gibt es natürlich noch andere Farbnuancen. Je nach Übungssequenz und wenn ich nun etwa die Silbe „Mo“ wiederholt töne, können sich große Veränderungen im Körper zeigen. Über die Temperatur und Farbe ist die Unvergleichlichkeit jedes Menschen beleg- und darstellbar.

Gibt es Grenzen für die Stimme?

Nein, oder nur dann, wenn ich meine Stimme mit der von anderen vergleiche. Wenn ich singen möchte wie Maria Callas oder Edith Piaf, stoße ich natürlich schnell an meine Grenzen. Für mich ist die Stimme an persönliches Wachstum gebunden, wodurch sie sich zu einer individuellen, unvergleichlichen Stimme entwickeln kann.

Welche Stimmen mögen Sie selbst am liebsten?

(Lacht) Die von meinem Mann!

Und wie würden Sie diese Stimme beschreiben?

Mein Mann stammt aus der Nähe von Passau. Er hat eine schöne, tiefe, niederbayerische Stimme, der manchmal die Klarheit nach vorne etwas fehlt. Das ist etwas, was die Stimmen der Norddeutschen oft auszeichnet. Und was die Österreicher eher nervt. Dieses Klare, Preußische, gut Artikulierte und Versierte.

Wie klingt das Österreichische für Sie?

Die Österreicher zeigen mehr Gemüt oder Gefühlsfärbung, was sich in einem weichen Klang und vielen Klangfarben äußert. Die Wärme und der Musikreichtum dieser Kultur sind in der Stimme ebenso enthalten wie in der Sprache.

Wenn ich als Deutsche in Österreich Erfolg haben will, sollte ich den Österreichern stimmlich entgegen kommen? Und wenn ja, inwiefern?

Auf jeden Fall. Nur nicht im Dialekt, das klingt dann eher peinlich. Zunächst ist das Zuhören in einem ungewohnten Sprachraum eine wesentliche Voraussetzung, um überhaupt Menschen besser kennen zu lernen. Speziell in Österreich wäre Weichheit wichtig sowie die Bereitschaft, sich in die Dynamik des österreichischen Gesprächspartners einzufühlen.

Was bedeutet Dynamik in diesem Zusammenhang?

Bei zu forschem Auftreten eines Deutschen neigt der Österreicher dazu, sich zu verschließen. Die Deutschen sprechen in der Regel schneller, fragen häufig nach und formulieren gerne. Der Österreicher zeigt seine Befindlichkeit weniger in der Formulierung als in der Art des Sprechens. Er nimmt gerne Raum ein und kann sich darin schließlich öffnen. Aber er will nicht aufgrund einer einzigen Frage und schon gar nicht in einer kurzen Antwort sein ganzes Leben preisgeben.

Und wenn ein Österreicher nach Deutschland kommt, worauf muss er dann achten?

Ach, der wird an sich schon recht freundlich empfangen. Weil er das Gemüthafte vermittelt, das uns Deutschen immer sehr wohl tut. Manchmal werden Österreicher vielleicht belächelt, weil sie den Deutschen unbekannte Ausdrücke verwenden und dadurch zunächst rhetorisch weniger versiert klingen.

Aber sie müssen sich gewiss nicht verstecken. Denn die Deutschen beneiden die Österreicher um ihre warme und ruhige Sprache.

Magna, der österreichisch-kanadische Autozulieferer, hat sich beim Einstieg bei Opel gegen den italienischen Konzern Fiat durchgesetzt. In der „Süddeutschen Zeitung“ war vom „wärmenden österreichischen Singsang“ des freundlichen Magna-Co-Chefs Siegfried Wolf die Rede. Offenbar ist es ihm gelungen, auch damit ein positives Klima bei den Verhandlungen zu schaffen. Glauben Sie, dass Wirtschaftsbosse von großen Unternehmen durch Sprache und Stimme am Image und Erfolg des Konzerns mitwirken können?

Ja, das glaube ich. Man spricht ja von Resonanz in der Kommunikation, also von Zustimmung, und von Konsonanz , dem Gleichklang. Das sind Phänomene, die an eine schwingende, ansprechende Stimme gekoppelt sind. Innere Ruhe, ein gewisser Tiefgang und Integrität werden in der Sprache hörbar und kommen den Verhandlungen zugute.

Der Schauspieler Christoph Waltz hat in Cannes die Goldene Palme für seine Rolle als SS-Offizier in den Film „Inglorious Basterds“ von Quentin Tarantino verliehen bekommen. Waltz hat erklärt: Das „Österreichische swingt besser als das Deutsche“. Hat er Recht?

So sehe ich, oder besser gesagt, so höre ich das auch! Österreicher können innere Stimmungen stimmlich gut zum Ausdruck bringen. Beim Hörer kann dies als Swing ankommen. Auf jeden Fall kenne ich das Gefühl, in österreichischer Gesellschaft beschwingt zu sein, und zwar noch bevor der Heurige auf dem Tisch steht!

Zur Person

Maria Höller-Zangenfeind, geboren 1952 in Eschenbach/Oberpfalz, Deutschland, ist Körperpsychotherapeutin und bekannt geworden durch ihre Methode „Atem-Tonus-Ton“, eine körperorientierte Stimmbildung. Die eigene Stimme soll sich aus den vitalen und sensiblen Kräften des Menschen entwickeln. Zugleich wird damit die Persönlichkeit gestärkt.

Maria Höller-Zangenfeind ist Schülerin von Ilse Middendorf, die als die Grande Dame der Atemtherapie gilt und bereits 1965 in Berlin ein Institut für Atemtherapie gründete. Heute wird der von ihr entwickelte „Erfahrbare Atem“ nicht nur in ganz Europa, sondern auch in den USA (San Francisco) gelehrt. Bei dieser ganzheitlichen Heilmethode sollen Körper, Seele und Geist durch freies Atmen durchlässig werden und gesunden. Ilse Middendorf ist Anfang Mai 2009 im Alter von 98 Jahren verstorben.

Maria Höller-Zangenfeind bietet Seminare in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Japan an. Am 28. und 29. November 2009 findet ein von ihr geleitetes Seminar in Wien statt. Ebenfalls in Wien beginnt im März 2010 eine Ergänzungsausbildung „Atem-Tonus-Ton“ für künstlerische, therapeutische und pädagogische Berufe.

Maria Höller-Zangenfeind: „Stimme von Fuß bis Kopf“. Studien Verlag, Innsbruck 2004.

www.maria-hoeller.de

Sonja Panthöfer, geboren 1967, arbeitet als Journalistin und Coach. Sie lebt in München. Ihr gemeinsam mit Andreas Wirthensohn verfasstes Buch „Keine Zeit zum Älterwerden. 16 Porträts von aktiven Menschen“ ist im Knesebeck Verlag erschienen.

Der Artikel im Internet
Eine erfolgreiche Stimme klingt authentisch
(Wiener Zeitung 31.07.2009)

(Christoph Habegger im Interview – Spa World Business Ausgabe 02/2009)

Fernöstliche Bewegungslehren sind fixer Bestandteil im Angebot von Spa-Hotels.

Westliche Lehren wie die Feldenkrais-Methode sind zwar in anderen Bereichen, wie in Kunst und Kultur, gut etabliert, die Wellness-Branche hat sie aber scheinbar noch nicht entdeckt, dabei passt sie ideal in ein entsprechendes Angebot, denn Feldenkrais ist eine Art Körperarbeit, die abgesehen von ihrem entspannenden Effekt nachhaltige Erfolge für Körper, Geist und Seele erzielt. „Wahrscheinlich liegt es daran, dass sich keine Trendmacher hinter der Feldenkrais-Methode verstecken, die Lehrenden selber an ihrer eigenen Bewusstheit und Wahrnehmung – zwei häufig fallende Schlagwörter – üben, kurz, sie versuchen, ihre eigene Lehre zu leben.“ Christoph Habegger, Feldenkrais- und Universitätslehrer, fügt hier noch hinzu, dass die Methode ihren Fokus auf das Lernen als Motivation legt. Damit sind keine Scheu vor persönlicher Entwicklung und der Wille und Mut zur Veränderung die wichtigsten Voraussetzungen.

Moshé Feldenkrais (1904 – 1984)
Die Methode ist nach ihrem Begründer benannt. Moshé Feldenkrais, dessen Karriere als promovierter Physiker einen Bogen über die Nukleartechnik bei den Nobelpreisträgern Irene Juliot-Curie und Frédéric Juliot bis zur Sonartechnik zur U-Boot-Erkennung bei der britischen Admiralität spannte, ist mit 14 Jahren aus seiner Geburtsstadt Slawuta in der Ukraine in das damalige Palästina ausgewandert.

Über sich selber lernen, ist ein Geschenk des Lebens und ein lebenslanger Prozess. Moshé Feldenkrais
Schon damals kam er in Kontakt mit ganzheitlichen Körpertrainings, als er Jiu-Jitsu lernte. Im Paris der 30er Jahre machte er Bekanntschaft mit Jigoro Kano, dem Begründer des Judo. Parallel zu seiner technischen Arbeit erweiterte er sein Wissen mit dem Studium von neurophysio- und -psychologischen Büchern. Nach der Gründung Israels kehrte er dorthin zurück. Neben seiner Arbeit in einem Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums begann er seine Methode zu entwickeln, veröffentlichte 1949 das erste Buch „Body and Mature Behaviour“ und widmete sich ab 1952 ausschließlich dem Unterricht und der Ausbildung neuer Praktizierender der Feldenkrais-Methode.

Die Methode
Allem voran geht es um die Schulung der Wahrnehmung und Bewusstheit. Feldenkrais übt das Erkennen der eigenen Bewegungsmuster und – davor – das Erspüren, welche Körperteile überhaupt an einer Bewegung beteiligt sind. Dabei erkennt der Übende, ob eine Bewegung optimal ausgeführt wird. In der Variation mit anderen Bewegungsmustern kann herausgefiltert werden, wie ein solches optimiert werden kann. Meist geht mit der Veränderung in einem Bewegungsverhalten auch eine Veränderung im Umgang mit der Umwelt einher.

„Wenn du weißt, was du tust, kannst du tun, was du willst.“ Moshé Feldenkrais
Der Erfolgsfaktor für die Methode liegt im Menschen selber. Feldenkrais fand heraus, dass das menschliche Nervensystem eine angeborene Intelligenz hat. Der Körper merkt sich daher sofort, wenn eine Bewegung leichter geht und ersetzt die ungünstigere beinahe von alleine oder entwickelt ein Handlungsrepertoire, das ihm ermöglicht, in unterschiedlichen Situationen angemessen zu reagieren. Habegger veranschaulicht dies in einem Beispiel: „Jeden Tag nehme ich denselben Weg zur Arbeit. Eines Tages ist dieser Weg aus irgendeinem Grund versperrt. Kenne ich keinen anderen Weg, werde ich mich vielleicht verirren oder zumindest zu spät zur Arbeit kommen. Mache ich es mir hingegen zum Spiel, jeden Tag einen anderen Weg zu finden, werde ich bald die ganze Gegend kennen!“ Für diese Wahrnehmungsschulung hat Feldenkrais zwei Systeme entwickelt.

„Bewusstheit durch Bewegung“
Dieses System ist für den Gruppenunterricht gedacht. Dabei führt der Übende die Anweisung des Feldenkrais-Lehrenden aus. Es gibt keine Korrektur, denn es geht nicht um die perfekte Bewegung, sondern um das eigenständige Herausfinden, welche Form der Bewegung optimaler ist. Unter Bewegung stellt man sich aber wahrscheinlich mehr vor, als tatsächlich passiert. Bewegung im Feldenkrais ist etwas ganz kleines, das unter Umständen von außen auch nicht sichtbar ist. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: wenn der Übende am Rücken liegt und nur im Ansatz versucht, das Bein zu heben, ist wahrscheinlich für den Betrachter keine Bewegung sichtbar, im Körper selber finden aber viele kleine Prozesse statt, die nur bei einem minimalen Unterschied die Effizienz der tatsächlich großen Bewegung weitgehend steigern können. Mit Spannung kann der Übende beobachten, dass der Körper derart leicht umlernt, dass er es – während man nur auf einer Seite geübt hat – auf der anderen Seite von ganz alleine macht. Habegger erklärt auch, warum eine solche Gruppenstunde emotionale Auswirkungen und somit einen Einfluss auf das Seelenleben haben kann. Im menschlichen Körper ist die Lebensgeschichte gespeichert, jedes Haltungs- und Bewegungsmuster ist gleichsam Ausdruck der eigenen Geschichte. Indem wir einen bestimmten Körperteil bewegen, wird auch die in jenem Teil gespeicherte Information bewegt.

„Funktionale Integration“
Die Einzelarbeit nach Feldenkrais ist eine passive Methode, das heißt, der Feldenkrais-Lehrer bewegt den Klienten. Eine derartige Sitzung ist vergleichbar zielgerichteter. Der Lernende gibt das Thema vor, sei es ein Schmerz im Knie, leichteres Geige-Spielen oder Ähnliches. Gemeinsam wird nach einer Referenzbewegung gesucht, etwa dem Aufsetzen des Fußes oder dem Bogenschwung, um bei den Beispielen zu bleiben. Der Feldenkrais-Lehrer kann sich so ein Bild von der Bewegungsorganisation machen. Nun beginnt die manuelle Arbeit des Lehrenden, der den Klienten berührt oder einzelne Körperteile bewegt. Der Klient kann auf passive Weise weitere Bewegungsmöglichkeiten kennen lernen und erkennen, wie einzelne Körperstrukturen an Bewegungen beteiligt sind. Am Ende der Lektion wird die Referenzbewegung wieder aufgenommen. Die individuelle Arbeit wirkt viel direkter in ein lange eingeübtes Bewegungs- und Verhaltensmuster ein und ermöglicht eine erweiternde und oft auch erleichternde Veränderung.

Anwendungsgebiete
Wie eingangs erwähnt, ist die Feldenkrais-Methode abgesteckt auf das aktive Lernen. Dementsprechend vielfältig gestalten sich die Anwendungsbereiche. Feldenkrais findet sich in der Rehabilitation nach Unfällen sowie in der Gesundheitsvorsorge, aber auch zur alternativen Behandlung bei neurologischen Erkrankungen. In der Pädagogik und beim Sport werden mit Feldenkrais neue Muster trainiert und in der körperorientierten Psychotherapie verweist die Methode auf gute Erfolge. So unterstreicht Habegger nachdrücklich ein Ziel, mehr Verantwortung für die persönliche Entwicklung und Gesundheit, die Integrität und Authentizität zu übernehmen, wofür Feldenkrais einen außergewöhnlichen Beitrag leistet.

Der richtige Lehrer
In vielen Disziplinen stellt sich die Frage nach der Kompetenz des Unterrichtenden. Diese ist bei jedem Trainer gewährleistet. Die Ausbildung, um unterrichten zu dürfen, dauert vier Jahre, in denen ein „Educational Director“ den Einzelnen größtenteils begleitet. Weiters gibt es Trainer und Assistent Trainer, die eine Bandbreite an zusätzlichen Stilen mit hineinbringen. Für die Auswahl des richtigen Lehrers ist selbstverständlich auch die Chemie verantwortlich und sollte die einmal nicht stimmen, darf ruhig gefragt werden, ob der Lehrer nicht etwas spiegelt, worauf der Übende nicht sehen will.

Christoph Habegger ist Feldenkrais-/Stimm- und Atempädagoge und Universitätslehrer.

Buchempfehlung: „Beweglich sein – ein Leben lang“ Thomas Hanna
SPA WORLD Business, Ausgabe 2/2009

Der Artikel im Internet:
Feldenkrais – Mit kleinen Bewegungen zu ganzheitlichem Wohlbefinden

(Christoph Habegger im Interview mit Arno Plass in Spa World Business Ausgabe 02/2009)